Wissen, Intuition und emotionale Intelligenz

Die Begriffe „Intuition“ und „Wissen“ scheinen sich zu widersprechen. Die Ursache hierfür liegt in der dualistischen Weltsicht, die ihre Wurzeln in der griechischen Philosophie hat, die die menschliche Denkweise bis in die Gegenwart geprägt hat.

Nach über 2000 Jahren ist es an der Zeit, diesen Dualismus, das Fundament der modernen Wissenschaft und Gesellschaft, abzulösen durch eine ganzheitlichere Betrachtungsweise. Der Weg für diese neue Sichtweise wird geebnet durch die zunehmende Vernetzung der (Arbeits)Welt.

Wichtigster Antriebsmotor und das alles verbindende Element ist die Information, bzw. der Informationsfluss.

Die mit den Begriffen „Wissen“ und „Intuition“ einhergehenden, vermeintlich gegensätzlichen Begriffspaare sind in der folgenden Tabelle gelistet.

Wissen Intuition
 Geist  Seele
 Rationalität  Emotionalität
 Bewusstsein  Unbewusstsein/Unterbewusstsein
 logisches Wissen  emotionales, irrationales Wissen
 erlernte, studierte Fähigkeiten  unmittelbare, spontane Fähigkeiten
 Gelehrsamkeit  Kreativität
 wissenschaftlich  unwissenschaftlich
 Kenntnis   Eingebung
 Verstand  Gefühle
 Außenwelt  Innenwelt
 hard skills  soft skills
 Intellektuelle Kompetenz  soziale Kompetenz
 fachliche Intelligenz  emotionale Intelligenz

Die Konturen dieser vermeintlichen Zweiteilung haben sich, insbesondere nach Etablierung des Konzepts der emotionalen Intelligenz mehr und mehr verwischt. Besonders die letzten Begriffspaare verdeutlichen, dass die Kontrastierung dieser sozialen Phänomene und Eigenschaften veraltet ist.

Unternehmen und Mitarbeiter, die in der Wissensgesellschaft bestehen wollen, müssen ihren Arbeits- und Organisationsprozeß den neuen Erkenntnissen anpassen. Es gilt den „soft skills„, den emotionalen und sozialen Fähigkeiten der Mitarbeiter den gleichen Stellenwert einzuräumen wie ihrem (Fach)Wissen.

Wegweisend in dieser Entwicklung war und ist das Konzept der emotionalen Intelligenz, das seit Beginn der Neunziger Jahre von mehr und mehr amerikanischen Wissenschaftlern propagiert wird.

Emotionale Intelligenz

Werke von grundlegender Bedeutung für das Konzept der emotionalen Intelligenz sind die Veröffentlichungen von in den USA forschenden (und lehrenden) Neurologen und Psychologen:

  • Antonio Damasio. „Descartes‘ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain“ (1994)
  • Daniel Goleman. „Emotional Intelligence“ (1995)
  • Joseph LeDoux. „The Emotional Brain“ (1996)
  • Peter Salovey, David Sluyter. „Emotional Development and Emotional Intelligence“ (1997)

Die Erkenntnisse und Einsichten dieser Wissenschaftler haben sich vor allem zukunftsorientierte Unternehmen zunutze gemacht. Wichtigste Schlagworte hierbei sind: flache Hierarchie, horizontale Kommunikation, mehr Eigenverantwortung und Teamgeist aller Mitarbeiter.

Eigenverantwortung und die damit einhergehende Fähigkeit selbstständig zu handeln und entscheiden, sowie Teamgeist sind Begriffe, die aus aktuellen Stellenangeboten kaum noch zu wegzudenken

Der bekannteste Verfechter des Konzepts der emotionalen Intelligenz ist Daniel Goleman. Wichtigste Aspekte derselben sind für ihn Selbstwahrnehmung, Selbstkontrolle, Motivation, Empathie (Grundlage der Menschenkenntnis) und soziale Kompetenz, kurzum alles was die Leistungsqualität und -quantität und das Lebensgefühl jedes Einzelnen beeinflusst.

Hier geht es in erster Linie um die Umsetzung des Prinzips der ganzheitlichen Erfahrung. Auf die Arbeitswelt übertragen bedeutet das: Mitarbeiter sollen von Vorgesetzten, Kollegen und von sich selbst mehr als „Menschen“ und weniger Arbeitsmaschinen begriffen werden. Niemand kann sein Privatleben und das eigene Ego wie einen Mantel an die Garderobe hängen, wenn er/sie an den Arbeitsplatz kommt.

Intuition, Kreativität und Eigenverantwortung sind Bestandteile der „privaten“ Persönlichkeit, die die neue Arbeitsmentalität unterstützen. Um in den Genuss der Vorteile dieser Charaktereigenschaften zu kommen, muss man jedoch auch negative Phasen und Charakterseiten akzeptieren, bzw.an deren Überwindung arbeiten.

Im Klartext heisst das: Zwingen Sie weder sich selbst noch andere zu optimalen Leistungen, wenn die psychischen / mentalen / geistigen Voraussetzungen dazu nicht stimmen. Mitgefühl und Rücksichtnahme aus Liebe zu anderen und zu sich selbst, sollten über eiserne Selbstdisziplin dominieren.

Das legitimiert natürlich nicht das wochenlange Warten auf Inspiration und den damit verbundenen Arbeitsausfall. Es geht vielmehr darum das Gefühlsleben mit Intelligenz zu steuern und so die besten Arbeitsbedingungen für jeden Einzelnen zu finden.

„Arbeit“ soll nicht mehr bedeuten die Arbeitszeit mit dem Gesäß abzusitzen und automatisierte Arbeitsprozesse abzuspulen. „Arbeit“ soll das kontinuierliche Einbringen eigener Ideen sein, außerdem sollen gesamtbetriebliche Produktionsabläufe besser überschaut und optimiert werden.

„Ich habe mit ungefähr 500 Firmen gearbeitet. Diese Firmen haben beobachtet, dass die emotionale Intelligenz doppelt so stark an ihrem Erfolg beteiligt ist wie Intelligenzquotient und Sachverstand zusammengenommen. Dies gilt für alle Ebenen des Unternehmens. Auf der Ebene des Topmanagements kann man sogar sagen,
dass die emotionale Intelligenz zusammen mit emotionalen Kompetenzen 85 bis 90 Prozent der Erfolgsfaktoren ausmacht!“
Auszug aus einem Interview mit Daniel Goleman