Höchstleistung oder Überforderung? So erkennen Sie, ob Sie schon in der Burnout-Spirale stecken

Burnout Anzeichen

Volkskrankheit Burnout, diese Diagnose wurde in den vergangenen Jahren zum Schlagwort – viele ignorieren die Symptome

Der Prozess, der zum gefürchteten Burnout-Syndrom führt, ist ein schleichender und deshalb so heimtückisch. Viele erkennen die deutlichen Vorzeichen nicht

Können Sie jede Nacht sofort einschlafen und werden erst mit dem Weckerklingen wieder wach? Ist ihre Laune insgesamt eher gut? Macht Ihr Magen Ihnen selten Probleme mit Sodbrennen oder Appetitlosigkeit?

Wenn Sie nur eine dieser Fragen mit „Nein“ beantworten können, dann gehören Sie vielleicht schon zu denen, die sich auf dem Weg in den Burnout befinden. Diese Volkskrankheit sorgte 2014 alleine in Deutschland für fast 75 Krankheitstage pro 1000 Versicherte – zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor waren es noch 4,6 Tage. Was früher meist nur Personen in Führungspositionen betraf, ist heute durch veränderte Arbeitsbedingungen in der Mitte der Gesellschaft angelangt – und macht Menschen zu seelischen Wracks – ausgebrannt und kaum noch zu Leistungen fähig.

Doch wie erkennt man, ob sich das eigene Ich nicht schon mitten drin befindet, in diesem Teufelskreis aus sinkender Leistungsbereitschaft und den nach wie vor steigenden Anforderungen? Dieser Artikel will eine Handreichung dafür sein und listet die wichtigsten psychischen und physischen Signale des Körpers dafür auf.

Teil 1: Burnout-Anzeichen

Der erste Abschnitt dieses Texts umfasst die Schritte in den Burnout. Wer sich selbst nicht sicher ist, sollte die jeweils zu Beginn stehenden Aussagen ehrlich auf sich selbst projizieren.

1. Ich bin heiß auf meinen Job und hab das Gefühl, nie genug tun zu können

Frühe Phase BurnoutDie früheste Phase des Burnouts bleibt meist deshalb unerkannt, weil sie mit Euphorie verwechselt wird: Mitarbeiter fühlen sich unentbehrlich, müssen bei jedem Projekt mittendrin sein, bleiben freiwillig bis in die Puppen im Büro und verleugnen, dass sie das anstrengt. Soziale Kontakte? Wer braucht die? Dafür gibt es Kunden und Kollegen. Wer sich hier wiedererkennt, sollte rasch handeln und sofort die Bremse ziehen: Ja, jeder Job sollte Spaß machen, aber es darf nicht sämtliche Last und Leistung auf den Schultern von einzelnen liegen.

2. Selbst meine größten Leistungen werden mit keinem Wort honoriert

Ein Sprichwort sagt „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Und gleiches gilt auch in der Arbeitswelt: Heute fordern Chefs bedingungslose Leistungsbereitschaft, oft genug „freiwillige“ Überstunden ohne Anweisung. Natürlich, manchmal müssen mehr als 100 Prozent gegeben werden, um ein Projekt zeitig abzuschließen. Doch wenn das zum Dauerzustand wird, dann möchten Angestellte zurecht auch, dass der Chef diese Höchstleistung, die allein rechtlich schon reichlich problematisch ist, zumindest anerkennt. Das muss nicht materiell sein, schon ein von Herzen kommendes „Danke“ kann ausreichen. Wer jedoch gar kein Lob für sein Verzicht auf Freizeit und Entspannung bekommt, bläst schnell Trübsal und gerät unter Umständen direkt in die nächste Phase:

3. Seit Wochen stecke ich in einem Stimmungsloch, nichts macht mir mehr richtig Spaß

Stummungstief BurnoutEin schöner Abend mit Freunden, ein Samstag mit der ganzen Familie, das Gefühl, richtig glücklich zu sein. Bei wem gute Laune schon seit mehreren Wochen nicht mehr vorkam, besteht höchste Gefahr für einen Seiteneffekt des Burnouts: Die Depression. Keine Sorge, nur weil über einige Tage hinweg die Stimmung trüb ist, ist das noch keine Diagnose. Aber wenn die Phasen länger dauern, gehören Sie vielleicht zu den 20 von 100 Menschen, die im Lauf ihres Lebens an einer Depression erkranken. Und hier ist Schnelligkeit gefragt: je tiefer ein Mensch in die Depression versinkt, desto schwieriger und langwieriger wird die Heilung.  

4. Ich gehe hundemüde ins Bett und kann nicht einschlafen, nachts werde ich dauernd wach

Dauerhafte Schlafprobleme sind ein sehr deutliches Zeichen eines beginnenden Burnouts: Tagsüber gibt der Angestellte alles, macht Überstunden. Und nachts liegt er im Bett, hellwach. Die Gedanken kommen nicht zur Ruhe, tausend Dinge fallen einem ein, die noch auf der Arbeit zu erledigen sind und ehe man sich versieht, dämmern die ersten Sonnenstrahlen durch den Rollladen. Grundsätzlich gilt: Wer trotz Müdigkeit dauerhaft Probleme mit dem Einschlafen hat, ist in den allermeisten Fällen ein Stresspatient, der dringend eine Auszeit benötigt. In fortgeschrittenen Stadien steigern sich die Schlafschwierigkeiten zur echten Unfähigkeit, wirklich noch erholsamen Schlaf zu finden – und der ist für den Menschen unabdingbar, weil ohne ihn das Gehirn an Masse und somit Leistung abbaut – wer dann 130% geben will, kann sie schlicht nicht mehr abrufen.

5. Ich bin fahrig, unkonzentriert und brauche für kleinste Entscheidungen sehr lange

Burnout: Probleme mit EntscheidungenWie unter Punkt 4 angekündigt, zollt der Cocktail aus zu viel Leistung und zu wenig Erholung schnell einen Tribut. Auch hier macht es sich zunächst langsam bemerkbar: Ein Mitarbeiter zeigt gewisse Konzentrationsschwächen: „Wo war nochmal der Ordner auf dem Desktop, den ich gestern angelegt habe?“ Und durch diese Unkonzentriertheiten schleichen sich Fehler ein. Die Folge: Statt der dringend benötigten Anerkennung hagelt es Vorwürfe vom Chef. Und gleichzeitig sinkt die Leistungsfähigkeit immer weiter, weil der Mitarbeiter im Bett liegt, nicht einschlafen kann und sich fragt, wie ihm diese Fehler passieren konnten. Und spätestens an diesem Punkt verlässt ein Mensch den zu hohen Stress und begibt sich auf Burnout-Terrain. Und auch das zeigt sich körperlich:

6. Mein Magen macht dauernd Probleme, und erst der Rücken….

Frühmorgens: Nur zwei Schlucke Kaffee reichen aus, um Magensäure heiß und brennend die Speiseröhre hinauf zu befördern: Regelmäßiges Sodbrennen, ohne dass zuvor eine üppige, fettige Mahlzeit genossen wurde, ist ein untrügliches Zeichen: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Depressionen und Burnout sorgen dafür, dass sich körperliche Symptome herausbilden – der Versuch des Leibes, dem Kopf zu sagen „Es ist zu viel“. Als Grundregel schreibt die Apotheken-Umschau:  Einmal pro Woche oder öfter Sodbrennen sollte einen zum Hausarzt führen. Auch, weil der dauernde Kontakt der Speiseröhre mit der Salzsäure-haltigen Magenflüssigkeit zu bösartigen Veränderungen führen kann. Neben dem Magen zeigt sich Burnout übrigens auch durch unerklärliche Schmerzen in Kopf und Rücken.

7. Alles, was mir früher Spaß machte, ist heute nur noch eine Last

Antriebslosigkeit und BurnoutIn fortgeschrittenen Stadien kapseln sich Burnout-Patienten immer weiter ab: Freunde, Partner, Hobbies, das alles wird erst vernachlässigt und schließlich aufgeben. Schuld ist nicht nur die Müdigkeit durch zu hohe Dauerbelastung und Schlaflosigkeit, sondern auch Antriebslosigkeit, die jeglichen Spaß an Dingen verhagelt, die früher mit großem Vergnügen ausgeführt wurden. Besonders schwerwiegend wirkt sich das bei sozialen Kontakten und dem Partner aus: Wer sich plötzlich von aller Welt verlassen fühlt, sinkt automatisch noch einige Stufen tiefer in diesen Keller der Trübseligkeit. Doch jeder Mensch ist verschieden: Andere drehen an diesem Punkt völlig auf und beginnen zu trinken, extrem zu feiern oder ein ungesund promiskuitives Sexualleben zu führen.

Ein wichtiger Hinweis für Partner: In dieser Phase sollten Sie bei aller Toleranz für persönliche Grenzen ihren Lebensgefährten nicht im Stich lassen. Selbst wenn die Beziehung momentan extrem düster aussieht. Aber er braucht Sie jetzt dringender als je zuvor!

8. Ich habe das Gefühl, dass nichts mehr Sinn ergibt; alles ist anstrengend und düster

Der Endpunkt ist erreicht, wenn der Burnout-Patient sich selbst und alles um ihn herum vollkommen aufgegeben hat: Wegen der dauerhaften Fehler ist der Job weg? „Wen interessiert’s“. Freunde haben sich abgewendet? „Juckt mich nicht, ist eh alles egal“. Wer sich mit solchen Gedanken von Tag zu Tag schleppt, der ist nicht nur schwerstens Burnout-krank, sondern teilweise ernsthaft suizidgefährdet. Die große Schwierigkeit besteht für Kranke jetzt darin, selbst die Reißleine zu ziehen und sich in Behandlung zu begeben. Hilfe ist nur noch von außerhalb möglich und sollte so schnell wie möglich erfolgen.

Die 12 Phasen des Burnouts

Die 12 Phasen des Burnouts

Teil 2: Burnout-Therapie

Wer einen so lebensverändernden Zustand wie den völligen Burnout erreicht hat, dem muss klar sein, dass es mit zwei Wochen Urlaub nicht getan ist. Ohne fachärztliche Hilfe geht hier gar nichts.

1. Schritt: Hausarzt

In Deutschland geht es meist nicht ohne Überweisung vom Hausarzt. Deshalb sollte dieser der erste Ansprechpartner sein und einen nach Schilderung der Symptome ohne Wenn und Aber an einen Therapeuten oder Psychologen überweisen. Wichtig ist es, dass der Hausarzt seinen Kollegen auf die Dringlichkeit hinweist, ohne die ein Termin oft Wochen oder Monate auf sich warten lässt.

Burnout Kurklinik2. Schritt: Facharzt

Nun beginnt der eigentliche Teil der Therapie: Der Facharzt wird in mehreren Sitzungen prüfen, in welchem Stadium des Burnouts sein Patient sich befindet. Aus diesen Ergebnissen resultiert auch das weitere Vorgehen: Frühe Stadien können eventuell noch ambulant in Verbindung mit einem Erholungsurlaub kuriert werden. In späteren Phasen wird aber wahrscheinlich eine Einweisung erfolgen

3. Schritt: Kur

Für Menschen, die unter schlimmen Ausprägungen von Burnout leiden, wird die Krankheit in einer Kurklinik enden. Dort erfahren sie nicht nur dringend nötige langwierige Erholung sondern auch medikamentöse und psychologische Betreuung. Am Ende dieses Prozesses steht ein neuer Mensch – der aber niemals mehr annähernd so leistungsfähig und belastbar sein wird, wie auf dem Weg, der ihn erst in seine Krankheit führte.

Fazit

Burn OutBurnout ist keine Luxuskrankheit, sondern ein echtes Problem, das pro Jahr tausende Opfer fordert. Nicht nur für Betroffene, die oft selbst die Krankheit total verkennen, sondern vor allem für Angehörige, Freunde und Kollegen ist es immens wichtig, die Symptome zu interpretieren und notfalls auch genug Mut aufzubringen, selbstständig einzugreifen – selbst wenn der Patient sich dagegen wehrt.

 


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