Mit Egoismus, Faulheit und Güte gegen Burnout

Von Karin Probst, 2-Change*

Viele Betroffene nehmen Burnout-Symptome wie schlechten Schlaf oder zunehmende Gereiztheit erst dann ernst, wenn es dafür schon zu spät ist. Schätzungsweise jeder dritte Bundesbürger leidet mittlerweile an Folgen der stressbedingten Erschöpfung. Laut WHO ist Stress die Volkskrankheit Nummer eins. Zeit also, wirksame Techniken zu entwickeln, die schnell im Alltag helfen – und nicht noch mehr Stress machen. Es ist weder nötig, täglich mindestens eine Stunde zu joggen oder zu meditieren. Vielmehr sind es ganz einfache (Un-)Tugenden, die helfen, wieder das Gefühl der Mühelosigkeit zu erreichen, dass Dinge leicht von der Hand gehen und ein stimmiges Reagieren auf die Herausforderungen des Alltags möglich wird.

Geht es Ihnen wie vielen anderen, die abends von der Arbeit mit dem Gefühl nach Hause gehen, die Aufgaben des Tages nicht bewältigt zu haben? Grübeln Sie vor dem Einschlafen, was Sie hätte sagen können, wenn Sie nicht vor lauter Ärger sprachlos gewesen wären? Wenn einem so viele Dinge, die alle noch erledigt werden wollen, einfallen, dann bringt auch der Schlaf keine Ruhe.

Nichts tun aktiviert oder ein bisschen Faulheit kann nicht schaden

Doch genau das zur Ruhe Kommen ist wichtig. Einmal NICHTS TUN! Pause machen, damit das Gehirn wieder auftanken kann: In dem Moment, in dem wir äußerlich zur Ruhe kommen, nichts mehr müssen oder wollen, sondern nur noch sind, geht die Arbeit im Gehirn los. Jetzt wird dort aufgeräumt, ausgemistet und Wissen verankert, um wieder bereit für Neues zu sein. Vielleicht kennen Sie das ja, man denkt über ein Problem nach, macht sich einen Kaffee – und prompt fällt einem die Lösung ein. Im Nichtstun sozusagen. Leider wird diesem Zusammenhang in unseren qualitätsbewussten und auf Effizienz getrimmten Arbeitsprozessen zu wenig Beachtung entgegengebracht. Burnout ist letztlich die Folge einer langen Zeit, in der die Antagonisten Geben und Nehmen, Aktivität und Ruhe nicht ausgewogen waren und der Körper diese Rhythmisierung verlernt hat.

Je weniger wir tun, desto mehr schaffen wir! Ist das nicht ein schönes Paradoxon? Je mehr wir eine Situation annehmen können, so wie sie ist, desto mehr können wir diese verändern. Bill Gates sagte einmal: “I will always choose a lazy person to do a difficult job. Because he will definitely find an easy way to do it”. Im Stressmanagement gilt es, den Punkt zu finden, an dem es leicht geht. Möglich ist das, durch die Achtsamkeit auf das, was einem wichtig ist.

Stress als Überlebensfaktor?

Ein Blick auf die Evolution zeigt uns, dass die hormonelle Stressreaktion uns erst das Überleben ermöglichte, indem sie unsere Vorfahren zum Töten oder Fliehen befähigte. Der Einsatz unserer Muskeln hilft uns heutzutage kaum noch dabei, Probleme zu lösen. Gefragt sind vielmehr Ideen, Flexibilität und der Lern-Turbo Glück. Unglücklicherweise jedoch deaktivieren die Stresshormone die Großhirnrinde und auch die für die Immunabwehr zuständige Thymusdrüse, was wiederum zu den psychosomatischen Auswirkungen führt. Diese Drüse, die hinter dem Brustbein liegt, überwacht den gesamten Energiestrom im Körper und wird unter Stress oder abwertenden Gedanken geschwächt. Nach Expertenmeinung verkürzt jeder Moment des Ärgers unser Leben um 36 Sekunden!

Gesunder Egoismus: Die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen!

Stress wird immer dann ausgelöst, wenn eine Bedürfniserfüllung als gefährdet angesehen wird. Grundsätzlich wird alles Tun gesteuert, indem wir unsere eigenen Bedürfnisse befriedigen wollen. Also nicht nur Essen und Schlafen, sondern z. B. auch Effizienz, Harmonie oder Respekt. Auch anderen zu helfen ist ein sehr ausgeprägtes Grundbedürfnis von uns. Immer, wenn wir etwas zur Erfüllung unserer Bedürfnisse tun, erfahren wir Lebensfreude und Zufriedenheit. Eine bessere Burnout-Prävention gibt es nicht. Das Bewusstwerden der schönen Momente im Alltag, ein Lächeln, ein intensiver Gedankenaustausch, aber auch eine Tasse Kaffee oder Tee wirken sich auf unsere Gesundheit, Psyche, ja sogar auf die neuronalen Strukturen aus. Egoismus in diesem Sinne wirkt also äußerst positiv.

Jeder macht es so gut, wie er gerade kann

Güte bedeutet, dem systemischen Grundgedanken zu folgen, dass es jeder immer so gut macht, wie er es eben im Moment kann. Es bedeutet aber auch, dass das jeweilige Handeln vielleicht nicht immer die beste Strategie ist, die zugrunde liegenden Bedürfnisse wirklich zu erfüllen. Nicht selten kommt es vor, dass man sich im Nachhinein mit Vorwürfen quält: Warum hast du da nicht so und warum da so gehandelt? Ganz einfach darum, weil wir unter Stress nicht denken können, unser System ist programmiert auf Problemlösung durch Flucht oder Angriff – und leider nicht auf gütiges, empathisches und lösungsorientiertes Suchen nach einem Konsens, der allen Beteiligten gut tut. Grund genug also, Gespräche zu vertagen, wenn wir merken, dass wir gestresst sind. Man muss nicht immer schlagfertig sein. Erlauben wir uns ruhig, sprachlos zu sein – bei manchen Vorwürfen oder Unterstellungen ist es sicher besser zu sagen: Jetzt bin ich erstmal sprachlos – könnten wir uns morgen um zehn Uhr nochmals treffen? Hier kommen wir auf einen Zusammenhang, der in der Systemischen Therapie als sehr wichtig angesehen wird: Konflikte entstehen immer durch unsere Bewertung. So lesen manche das Zuspätkommen des Kollegen vielleicht als mangelnde Wertschätzung und handeln aufgrund dieser Deutung.

Stressmanagement durch Reflexion und Entscheidung

Wenn Sie an eine Stress-Situation der letzten Tage denken, wissen Sie auf Anhieb, welches Bedürfnis, welcher Wert hier bei Ihnen verletzt war? Und können Sie sich auch freundlich in die Bedürfnisse Ihres Konfliktpartners einfühlen? Das ist meistens gar nicht so leicht, jedoch das Grundhandwerk für ein effizientes Stressmanagement. Die stressbedingte Erschöpfung wird meistens dadurch ausgelöst, dass das Bedürfnis nach Anerkennung oder Selbstbestimmung als verletzt angesehen wird und man es zu lange versäumt hat, die eigenen Bedürfnisse genauso wichtig zu nehmen, wie die von Familie und Beruf. Eine regelmäßige Reflexion darüber, welche Bedürfnisse gerade erfüllt und welche Bedürfnisse soeben weder gehört noch erfüllt sind, kann helfen, erst gar nicht in die Schieflage zu kommen. Doch in der Burnoutprävention heißt es nicht, nur die eigenen Belange rücksichtslos durchzusetzen, sondern vielmehr in einem Akt der Selbstliebe täglich neu zu entscheiden, wo es besser ist, NEIN zu den Bedürfnissen anderer zu sagen – und damit JA zu den eigenen. Und ohne Schuldgefühle freundlich sowohl den eigenen Bedürfnissen als auch denen der anderen gegenüberstehen.

Tipp 1: Atempause

Stellen Sie sich einen Wecker und machen alle zwei Stunden eine Atempause. Nichts anderes tun als Einatmen – Pause – Ausatmen – Pause. Und Sie werden vielleicht merken, dass dies gar nicht so einfach ist. Schnell geht der Geist zur nächsten Besprechung, zu kleinen Ärgernissen des Tages. „If you can dream it, you can do it“ – Walt Disney zum Beispiel verpflichtete seine Mitarbeiter zum täglichen Träumen von Lösungen, zum vor- statt nachzudenken. Wenn Sie Ihren Geist trainieren, ruhig zu werden, werden Sie bald merken, dass Sie mehr Kraft, Effizienz und Konzentration im Alltag zur Verfügung haben.

Tipp 2: Glückstagebuch

Probieren Sie es: 5 Minuten am Abend den Tag Revue passieren lassen und darauf schauen, was ist – und nicht was nicht ist, das bringt schon nach zwei Wochen messbare Ergebnisse, wie beispielsweise eine Senkung des Blutdrucks und niedrigere Cholesterinwerte. Jeder Gedanke ist biochemische Realität, wie wohl schon Marc Aurel wusste: „Auf die Dauer nimmt die Seele die Farbe unserer Gedanken an“.

Zukunft in Balance

Faulheit, Egoismus und Güte können wie kleine Zaubermittel gegen Burnout wirken. Vielleicht kann es Ihnen in Zukunft gelingen, in Stress-Momenten erst einmal tief durchzuatmen. Spezielle Atemkurse werden auch von den Krankenkassen angeboten. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst und klären Sie, was Sie im Moment brauchen. Wichtig ist, dies auch freundlich und proaktiv anzusprechen. Wenn Sie dann noch Wertschätzung und Empathie im Alltag zu üben, indem Sie danken und das bemerken, was ist – und nicht, was nicht ist, besteht kaum noch Gefahr des Ausbrennens.

Probieren Sie auch einmal unser gratis Tarot – Sie finden dort viele Tipps, auch zum Beruflichen.

* Karin Probst begleitet als zertifizierter Business-Coach internationale Unternehmen und Institutionen zu den Themen Stress- und Burnout-Prävention mit Trainings, Coaching und Beratung. Sie hat das KompetenzNetz Burnout e.V. gegründet, dessen Vorstand sie aktuell ist. Die frühere Schauspielerin an führenden Theatern Deutschlands ist inzwischen auch als Lehrtrainerin an verschiedenen Hochschulen und Zentren für Hochschuldidaktik tätig. Weitere Informationen unter www.2-change.de.