Soziales und emotionales Lernen in der Schule

In den USA gibt es einige Schulen, an denen das Fach Self Science schon seit einigen Jahren auf dem Lehrplan steht. Die Namen für Self Science können unterschiedlich sein: Life Skill Classes, Lebenskunde, „soziables und emotionales Lernen“ oder „Schulung der Emotionen“. Sie machen deutlich worum es in diesem Lernbereich geht: die emotionale Erziehung, die altersgerechte „Vorbereitung“ auf das Leben.

Der Unterricht ist sehr lebensnah und praktisch gestaltet. Im Mittelpunkt steht der emotionale Zustand jedes einzelnen Kindes und das emotionale Gefüge des Klassenverbandes. In diesem Fach gibt es verständlicherweise keine Noten.

Begründerin des Self Science Erziehungskonzepts ist Karen Stone-McCown. Bereits 1978 erschien ihr Erziehungsprogramm „Self Science: The Subject Is Me“, der erste Lehrplan zur emotionalen Intelligenz. Schwerpunkte liegen auf folgenden Lerninhalten:

  • Selbstwahrnehmung: eigene Gefühle erkennen lernen
  • Unterstützung beim Erkennen der Konsequenzen von persönlichen Entscheidungen und Handlungen (bei Teenagern besonders bezüglich Sex und Drogen)
  • Umgang mit eigenen Gefühlen wie Angst, Wut, Trauer, Misstrauen
  • Techniken zum Stressabbau
  • Empathie, Einfühlungsvermögen, um die Mitmenschen besser zu verstehen
  • Kommunikation: eigene Gefühle verbalisieren und die der Mitmenschen durch aktives Zuhören verstehen
  • Vertrauen in Beziehungen entwickeln und wissen welches Maß an Offenheit angebracht ist
  • Einsicht in bestimmte Muster der eigenen Gefühlsregungen und die anderer
  • Selbstakzeptanz und Selbstwertgefühl: stolz auf sich sein, aber auch über sich lachen können
  • Verantwortung für Entscheidungen und Handlungen tragen
  • Selbstsicherheit, Selbstbeherrschung: ohne Zorn oder Angst sein Anliegen vorbringen
  • Kooperationsbereitschaft, Erkennen der Mechanismen in der Gruppendynamik
  • Konfliktlösungsbereitschaft: faire und offene Auseinandersetzungen führen, in denen auch Kompromisse ausgehandelt werden können

Der Self Science Unterricht ist frei und flexibel gestaltet. Wichtig ist, dass Probleme und Sorgen, die die Kinder und Jugendlichen gerade beschäftigen, zur Sprache kommen.

Oft sitzen die Kinder im Kreis auf dem Boden. Zu Beginn des Unterrichts werden sie namentlich aufgerufen. Mit ihren Antworten liefern sie auch gleich eine Bewertung ihrer emotionalen Befindlichkeit anhand einer Emotions-Skala, die von eins bis zehn reicht. „Zehn“ bedeutet prima Stimmung und voller Energie, „Eins“ steht für besonders gedrückte Stimmung und die damit verbundenen Gefühle.

Wenn sehr niedrige Zahlen genannt werden, haken die Lehrer in der Regel nach, was die Ursache für die Niedergeschlagenheit ist. Die Schüler müssen sich dazu nicht äußern, wenn sie nicht möchten. Wenn sie es tun, wird über ihr Problem gesprochen, werden gemeinsam Lösungsansätze gesucht. Hier treten oft altersspezifische Probleme auf, die im Alltag kaum eine Chance hätten ernst genommen und reflektiert zu werden.

Der Self Science Unterricht besteht in erster Linie aus Aufgaben, die im Team gelöst werden müssen. Hierbei steht weniger das Ergebnis als vielmehr der Lösungsweg im Vordergrund. Ziel des Unterrichts ist nicht die Vermeidung, sondern der kreative Umgang mit Konflikten und Problemen.

Sehr oft sind es nur Unterstellungen und Missverständnisse, die in Konflikte ausarten können. Wenn nicht gleich geklärt wird, was die eigentliche Ursache für einen Streit ist, wird eine Konfliktlösung sehr schwierig.

Auch das ist ein Lernziel des Social Science Unterrichts: die streitenden Parteien sollen ruhig und sachlich argumentieren und sofort darauf aufmerksam gemacht werden, wenn „persönliche Gefühle“ Ursache für den Streit sind.

Diese Kurse mögen, zumindest auf den ersten Blick, recht unspektakulär erscheinen. Was jedoch viel wichtiger ist, ist die regelmäßige Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, sowie deren Bewusstwerdung und Unterstützung bei der Steuerung der emotionalen Fähigkeiten.

Self Science Lerninhalte

Hauptlernziel von Self Science ist, den Kindern bewusst zu machen, dass sie Einfluss auf ihr Leben haben, es aktiv mitgestalten und verbessern können. Sie sollen lernen mit Problemen und Schwierigkeiten produktiv anzugehen und für ihre Rechte einzutreten ohne Gewalt anzuwenden.

Im Idealfall werden auch die Eltern in die emotionale Erziehung eingewiesen. In Kursen und Programmen können sie lernen, sich besser auf die emotionalen Konflikte ihrer Sprösslinge einzustellen und den Self Science Lehrplan zuhause zu ergänzen.

Da die emotionale und die biologische Entwicklung in starker Abhängigkeit zueinander stehen, werden die Lektionen stets der entsprechenden Entwicklungsstufe angepasst. Altersbedingte Unterschiede der Gefühlswelt werden in quantitativer (die Bandbreite und Intensität der Gefühle wachsen mit zunehmendem Alter) und in qualitativer Hinsicht berücksichtigt.

Zur Konfliktbewusstwerdung- und bewältigung sind besonders Rollenspiele geeignet. Situationen in der Schule, zuhause oder auf der Straße werden (nach)gespielt und analysiert. Aber auch ganz reale persönliche Krisen der Schüler werden zu Lektionen, im Rahmen der (Aus)bildung der emotionalen und sozialen Kompetenz.

Die Deutung der Körpersprache ist ein Hauptpunkt bei der Schulung der Emotionen. Spielerisch lernen die Kinder Gestik und Mimik ihrer Mitmenschen zu verstehen und ihre eigenenen Gefühle auf nonverbaler Ebene besser zu äußern.

Gezeigt werden Bilder von Menschen mit zornigem, ängstlichem, glücklichem, traurigem, erstauntem und angewidertem Gesichtsausdruck. Bei jeder Ausdrucksart dieser sechs grundlegenden Emotionen werden die Veränderungen der Gesichtsmuskulatur genau studiert und nachgespielt.

Schüler und der richtige Umgang mit Zorn

Der richtige Umgang mit Zorn und Wut ist bei der Charakterbildung aller Schüler sehr wichtig. Kommen diese Emotionen auf, wird, unabhängig vom Alter, auf das sogenannte Ampel-Poster, das in vielen Klassenräume hängt, zurückgegriffen.

Das Poster ist in die drei Zustände einer Ampel und gleichzeitig in sechs Stufen unterteilt. Vier der sechs Stufen befinden sich im gelben Bereich: hier geht es um „Abkühlung“ starker negativer Emotionen und das Finden neuer Lösungsmöglichkeiten.

Zu den einzelnen Stufen des Ampel-Posters:

  • ROT:
  • 1. Halte an, beruhige dich und denke, bevor du handelst
  • GELB:
  • 2. Benenne das Problem und sage wie du dich fühlst
  • 3. Setze ein positives Ziel
  • 4. Denke an viele Lösungen
  • 5. Bedenke die Folgen in Voraus
  • GRÜN:
  • 6. Geh los und probiere es mit dem besten Plan

Abschliessend bleibt anzumerken, dass der Self Science Unterricht an Schulen, kein Hokus Pokus ist, sondern handfeste Ergebnisse bringt. An allen Schulen, bzw. Klassen, in denen Self Science Programme durchgeführt wurden, gab es unter den Schülern spürbar weniger gewaltsame Konflikte, weniger Drogenkonsum, weniger Teenager-Schwangerschaften und bessere schulische Leistungen.

Gruppen-Coaching Interview

Frau Haberbusch arbeitet freiberuflich als Gruppencoach für Schüler/innen, die ca. eineinhalb Jahre vor ihrem Schulabschluss stehen. In 12 Gruppencoach-Sitzungen, die sich über ein halbes Jahr erstrecken, wird den Jugendlichen der Zugang zu einer erfolgreichen Zukunft, besonders den Einstieg ins Berufsleben, erleichtert.

Durch die regelmäßigen Treffen innerhalb dieses längeren Zeitraums, ist die Chance für die Jugendlichen, Veränderungen anzunehmen und ihr Bewusstsein positiv zu prägen sehr groß.

Die Kurse erfreuen sich wachsender Beliebtheit, umso mehr freuen wir uns Frau Haberbusch im Rahmen unseres Themas „Self Science“ ein paar Fragen stellen zu dürfen.

——————-

infoquelle: Guten Tag Frau Haberbusch. Können Sie uns zu Beginn einen kurzen Überblick über die Inhalte Ihrer Kurse geben?

Frau Haberbusch: Es gibt kein starres Kursprogramm, denn Coaching orientiert sich an den Bedürfnissen des Einzelnen und an den Bedürfnissen der Gruppe. Ich arbeite aber mit einigen Bausteinen, die in irgend einer Form in fast allen Gruppen auftauchen.

Ziel des Coachings ist es, dass die Jugendlichen erkennen, dass nur sie selbst für sich verantwortlich sind, dass sie (so weit wie möglich) selbst entscheiden, wie ihre berufliche Zukunft (vorerst) aussehen soll, dass sie selbst alle Schritte einleiten und durchführen, die sie zum Ziel bringen werden.

infoquelle: Mit welche Methoden vermitteln Sie dieses wichtige „Lebenswissen“?

Frau Haberbusch: Als Coach gebe ich den Jugendlichen Impulse, Wissen und Techniken, damit sie die Schritte ins Berufsleben erfolgreich und zielorientiert meistern. Die Jugendlichen erarbeiten selbst, was es heißt, z.B. ein Vorstellungsgespräch zu führen, in dem mehr als „ja“ und „nein“ geantwortet wird, Bewerbungsunterlagen zu erstellen, in denen die Persönlichkeit und die Motive des Jugendlichen sichtbar sind.

Sie versetzen sich selbst durch Rollenspiele in die Lage des Personalchefs, der einen Lehrling einstellen will. Die Jugendlichen geben sich gegenseitig Feedback, bei allem was erarbeitet, vorgetragen oder gezeigt wird. Die Feedbackregeln werden eingeübt, so dass auch ein Jugendlicher, der z.B. kein Sprachwunder ist, nach seinem Vortrag mit guten und motivierenden Hinweisen nach Hause gehen kann.

Trainiert und übergestülpt wird in den Kursen nichts. Jeder soll seine Persönlichkeit erkennen, seine Ziele und Wege selbst finden, ohne Poker, ohne Schauspielerei und ohne einen Trainer, der ihm sagt „wie man das alles macht…“.

infoquelle: Für welche Schularten bieten Sie das Gruppencoaching an?

Frau Haberbusch: Im Moment für Realschulen, neunte Klassen. Auch Gymnasien sind interessiert.

infoquelle: Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für die zunehmende Beliebtheit dieses Kursangebots?

Frau Haberbusch: Die liegen auf der Hand: Die Ausbildungsbetriebe klagen über mangelnde Ausbildungsreife, die Schulen sind erst in den Anfängen, den Schülern beim Schritt ins Berufsleben sinnvoll unter die Arme zu greifen. Also sind die Jugendlichen ziemlich alleine gelassen. Der Dschungel an Lehrberufen, Lehrstellen und Anforderungen wird aber immer dichter. Durch das Coaching kommt mehr Klarheit in die ganze Sache. Warum sollen Jugendliche sich unter ihrem „Wert“ der Wirtschaft gegenüber zeigen, nur weil sie nicht wissen, wie die Türen aufgehen?

infoquelle: Wie hoch sind die Kosten für die Teilnehmer eines Kurses?

Frau Haberbusch: 12 Sitzungen mit je 1,5 Stunden in einer Gruppe von 10-12 Teilnehmer/innen kommen auf DM 300.-.

infoquelle: Die Kursteilnahme erfolgt ja auf freiwilliger Basis. Welche Art von Schülern sind an dem Angebot am meisten interessiert?

Frau Haberbusch: Es geht quer durch. Da ich für Ratenzahlung, Barzahlung und andere Möglichkeiten der Finanzierung des Coaching offen bin, ist das Geld auch kein Problem. Ich nehme an, dass sich aber vorwiegend Schüler/innen anmelden, die eh schon motiviert sind. Ich stelle mich und das Coaching bei Elternabenden vor, sowie auch vor den Schülern in den Klassen.

Die Schüler müssen einen Draht zu mir haben, sonst kann ich als Coach kaum Einfluss nehmen. In der Schule, in der ich mein erstes Engagement gezeigt habe, ist das Coaching voll in das Gesamtprogramm von Schule und Wirtschaft, „fit for job“, integriert und es melden sich hier über die Hälfte der Schüler zum Coaching an. Abgesprungen ist noch niemand. Großen Spaß macht es fast allen.

infoquelle: Die Teilnehmer erhalten ein Abschlusszertifikat. Nach welchen Beurteilungskriterien werden diese verfasst? Kann ein/e Teilnehmer/in auch „durchfallen“?

Frau Haberbusch: Das Abschlusszertifikat ist eine Bestätigung der Teilnahme am Coaching. Es gibt keine Noten! Wir sprechen aber offen darüber, dass das Zertifikat nur etwas „wert“ ist, z.B. für die Bewerbungsunterlagen, wenn der Jugendliche auch eine positive Entwicklung gemacht hat. Sonst kann der Schuss nach hinten los gehen. Das spüren die Jugendlichen auch schnell.

Bisher habe ich nur einen Schüler gebeten, das Coaching zu verlassen, da er sich nicht in die Gruppe integrieren konnte und das Coaching zum Nachteil der anderen Teilnehmer erheblich gestört hat. Die Regeln, die im Coaching gelten, sind vom ersten Tag an klar. Denn da arbeiten die Teilnehmer „ihre“ Regeln aus. Ansonsten habe ich bis jetzt jedem Schüler gerne und mit einem guten Gefühl das Zertifikat geschrieben.

infoquelle: Welche Vorteile bringt das Gruppencoaching den Schülern später beim Einstieg in das Berufsleben?

Frau Haberbusch: Das kommt darauf an, was der Schüler aus dem Coaching „mitnehmen“ will. Wenn er viel mitnimmt, weiß er für welche mindestens 1-3 Berufe er sich bewerben will. Er kennt die Berufsbilder durch Infos und Praktika gut. Er hat eine Firmenliste mit Ansprechpartner. Er hat Bewerbungsunterlagen, die zu ihm und dem Beruf passen.

Er weiß, wie er sich in einem Gespräch zeigen kann, er kennt die Lage des Ausbilders. Bei Tests, in denen persönliche und soziale Kompetenzen gefragt werden, weiß es was auf ihn zukommen könnte. Er ist sich selbst geblieben, hat sich besser kennen gelernt und hat ein Bild von dem, was ihn beim Einstieg ins Berufsleben erwartet. Er ist selbstbewusst, denn er hat alle seine Schritte selbst und selbständig erarbeitet und ist Profi für sich selbst und für seine Zukunft.

infoquelle: Frau Haberbusch, danke für das Interview und viel Erfolg für die Zukunft.