Mobbing in der Schule / Schulmobbing

„Mobbing“ in der Schule gibt es seit es Schulen gibt. Einzig neu für dieses soziale Phänomen ist das Wort. Für das Mobbingverhalten unter Kindern und Jugendlichen gab es früher keinen Namen. Namen gab es nur für die Mobbingopfer, das waren die „Dicken“, die „Streber“, die „Schwänzer“, die „Dummen“, die „Kleinen“, die „Grossen“, etc. Diese Bezeichnungen verweisen direkt auf die Ursachen für das Mobbing, sie „nennen das Kind beim Namen“.

Ursachen für Mobbing in der Schule

Gemobbt wurde und wird, wer bestimmte Verhaltenweisen oder Eigenschaften, egal ob physisch oder psychisch, an den Tag legt. Die benannten persönlichen Merkmale können durchaus Bestandteile der eigenen Persönlichkeitsstruktur sein. Doch treten sie zu konzentriert auf, oder in Kombination mit anderen „unglücklichen“ Merkmalen, machen sie die Person zur Zielscheibe von sowohl individuellen als auch kollektiven Aggressionen, oder anderer negativer Gefühle.

Ein weiterer Ursachenkomplex für das Mobbing unter Schülern ist „das Fremde“ oder „das Andere“. Hier spielen Unterschiede (zur Mehrheit der jeweiligen Gruppe) eine Rolle: andere Nationalitäten, Kulturen, Religionen, Sprachen, Kleider, etc. können Mobbingverhalten begünstigen.

Auch die materielle und familiäre Situation von Kindern kann in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein. Schüler, die früher oder später in die Pubertät kommen, als Rest der Klasse, oder die neu in eine bestehende Klassengemeinschaft kommen, können Mobbingopfer werden.

Die Bekleidung spielt eine immer mehr wichtigere Rolle. Die Altersschwelle für das Markenbewusstsein ist in den letzten Jahren merklich gesunken. Spätestens ab der 5. oder 6. Klasse müssen die Markennamen auf Hosen, Rucksäcken, Turnschuhen und anderen Kleidungsstücken „stimmen“, sonst ist man nicht mehr „angesagt“ oder „cool“.

Kleidung wird zunehmend zum sozialen Indikator, zum Erkennungszeichen untereinander. Uniformität des Äußeren unter Gleichgesinnten schafft Solidarität, gibt dem Einzelnen das Gefühl von Stärke. Es bilden sich bestimmte „Gruppenästhetiken“, wer diesen nicht genügt, wird schnell zum Außenseiter.

Sie sehen selbst, die Ursachen für Mobbing in der Schule sind so vielfältig wie der Facettenreichtum, der eine Persönlichkeit ausmacht. Die hier erwähnten Ursachen sind jedoch oft nur die „offiziellen“ Auslöser für feindseliges Verhalten unter Mitschülern. Das Gruppenverhalten von Kindern und Jugendlichen ist zum einen von großer Dynamik, zum anderen von einem strikten, nicht verbalisierten Verhaltenskodex geprägt.

Beide Faktoren können den Einzelnen sehr schnell von der „Sonnenseite“ auf die „Opferseite“ manövrieren. Es kann mitunter ganz schön anstrengend sein, immer „dabei“ zu sein, denn zumeist wird auf sehr subtilen Ebenen gemobbt (diskriminiert).

Mobbing an der Schule: Symptome

Wenn ein oder mehrere Faktoren das Mobbing eines Schülers begünstigen, kommt es sehr schnell zu Mobbinghandlungen. Ziel von Mobbingaktionen ist die Ausgrenzung einzelner Mitschüler aus der Klassengemeinschaft. Um das zu erreichen, werden psychische und/ oder körperliche Gewalt eingesetzt.

In der Regel sind die psychischen Repressalien, auch Beziehungsaggression genannt, von längerer Dauer, als die körperlichen. Hat sich ein Mobbingopfer erst mal als solches „bewährt“, bleibt es oft jahrelang, für den Rest der Schulzeit, in dieser Rolle verhaftet.

Die Ursachen für Mobbing an Schulen sind, ebenso wie später in der Berufswelt, vielschichtig und komplex. Mobbinghandlungen werden grob in aktives und passives Mobbing unterteilt. Studien belegen, dass Mädchen eher passiv mobben, d.h. die Diskriminierungen von Mädchen finden fast ausschließlich auf psychologischer Ebene statt. Im Gegensatz dazu neigen Jungen mehr zu körperlicher Gewalt, mobben eher aktiv.

zu passiven/ psychischen Mobbinghandlungen gehören:

  • Ignorieren („Schneiden“) der Opfer -> „stummes Mobbing“
  • schlecht über die Opfer zu sprechen, hinter deren Rücken (je länger das Mobbing andauert umso offener werden die Diskriminierungen)
  • Gerüchte und Lügen über die Opfer zu verbreiten
  • unfreundliches Verhalten gegenüber den Opfern
  • Beschimpfungen/ Beleidigungen der Opfer
  • Verpetzen/ Anschwärzen der Opfer bei Lehrern und/oder Eltern
  • Androhung von körperlicher Gewalt

 

zu aktiven/ körperlichen Mobbinghandlungen gehören

  • körperliche Gewalt in unterschiedlichen Ausmaßen
  • Erpressung von „Schutzgeldern“
  • Diebstahl oder Beschädigung von Gegenständen, die dem Opfer gehören

Im überwiegenden Teil der Mobbingfälle sprechen die Kinder und Jugendlichen weder mit Lehrern noch mit Eltern über das Problem. Die Opfer haben Angst als Petze dazustehen und noch mehr Repressalien ausgesetzt zu sein, die Täter haben Angst vor Bestrafung.

Deutliche Warnzeichen sind, wenn Kinder nicht mehr alleine in die Schule gehen wollen (der grösste Teil des körperlichen Mobbing spielt sich auf dem Schulweg ab), wenn sie gar nicht mehr in die Schule möchten, wenn sie häufig über Kopfschmerzen klagen, wenn ihre Leistungen rapide nachlassen, etc. Immer mehr Kinder und Jugendliche, egal ob Mobbingopfer oder -täter leiden unter psychosomatischen Krankheiten.

Folgen von Schulmobbing

Mobbing in der Schule kann negative Folgen für den weiteren Lebensweg der betroffenen Schüler haben und zwar nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter. Die Gruppe der „Täter“ ist recht klein, den grössten Anteil beim Mobbing stellen die Mitläufer. Sehr oft sind die Täter noch unbeliebter in der Gemeinschaft als die Opfer, nur die Angst vor ihnen verhindert den Ausschluss aus der Gruppe.

Mobbing kann in jeder Klasse auftreten, wichtig ist, dass offen über dieses Phänomen der sozialen Gewalt gesprochen wird. Je offener eine Klasse, samt Lehrern mit dem Thema umgeht, desto geringer ist „Angriffsfläche“ für Mobbing. In Klassen, in denen das Sozialklima stimmt, gibt es, bis auf wenige Einzelfälle, kein Mobbing.

Zwischenmenschliche Probleme, die nicht thematisiert werden, können nicht gelöst werden. Sie bilden den Nährboden für Mobbing und oft genug den Ausgangspunkt für eine „kriminelle Karriere“.

Direkte, bzw. kurzfristige Folgen von Mobbing, bei den Mobbingopfern, sind:

  • Schulangst
  • Leistungsabfall
  • psychosomatische Erkrankungen
  • Schwänzen
  • Isolation
  • schwindendes Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl

Was die Langezeitfolgen von Mobbing betrifft, kann man sagen, dass die Täter mindestens genauso davon betroffen sind, wie die Opfer. Sie können sich oft nur auf Kosten anderer profilieren, sind sie auf sich selbst gestellt, „versagen“ sie oft. Ein fehlerhaftes Gerechtigkeitsbewusstsein, das nie korrigiert wurde, lässt sie außerdem relativ häufig kriminelle Laufbahnen einschlagen.

Mädchen leiden im allgemeinen weniger unter Mobbing in der Schule als Jungen. Für weibliche Mobbingopfer ist die Re-Integration in die Gemeinschaft einfacher, weil Mädchen in der Regel kleinere Gruppen bilden als Jungen. Kommen sie mit ihrer Clique nicht zurecht, können sie in den meisten Fällen die Gruppe wechseln. Im Gegensatz dazu gilt für Jungen: wer von der Gruppe gemobbt wird, wird von der ganzen Klassengemeinschaft gemobbt (die „Rangordnung“ ist fester verankert).

Wie Studien gezeigt haben, stehen Frauen, die in ihrer Schulzeit gemobbt wurden, vom Selbstbewusstsein her, in keiner Hinsicht anderen Frauen nach. Das verhält sich bei Männern etwas anders: da männliche Mobbingopfer in der Schule oft gar keinen sozialen Rückhalt mehr haben und immer wieder Angst vor körperlichen Übergriffen haben müssen, haben sie auch als Erwachsene Probleme soziale Kompetenzen zu erwerben.

Welche Folgen Mobbing im Extremfall haben kann, wurde durch das Massaker in Littleton 1999 deutlich. Waren die Täter wirklich nie vorher aufgefallen? Machte es eines Tages „Klick“ und die Katastrophe war da? Was neue Lösungsansätze betrifft hat dieser Amoklauf in den USA bisher keine positiven Resultate gebracht. Manche extremen Gruppen wie die „Rocky Mountain Gun Owners“ fordern gar, alle Lehrer zu bewaffnen.

Verhalten bei Mobbing in der Schule

Zum Abbau von Gewalt an Schulen und Schulmobbing gibt es mehrere Möglichkeiten /Modelle, die auch miteinander kombiniert werden können. Es ist an der Zeit Kindern und Jugendlichen bei der Entwicklung der emotionalen Intelligenz genauso behilflich zu sein wie bei der Vermittlung der „Hard Facts“, des Schulwissens.

Soziales Lernen entwickelt sich zu einer der populärsten und auch wirkungsvollsten Präventivmaßnahmen gegen Mobbing und Bullying (Schikanierei) an Schulen. Mehr und mehr Beteiligte fordern, dass „soziales Lernen“, fester Bestandteil des Lehrplans wird. Wichtigste Inhalte sind Kommunikationstraining, Konfliktbewältigung und das Verhalten in Gruppen.

Streitschlichter oder Mediatoren werden seit Anfang der neunziger Jahre für die Jugendarbeit ausgebildet. Sie werden hauptsächlich zur Konfliktbewältigung an Schulen eingesetzt. Ganz wichtig bei der Schlichtung ist, dass weder Opfer noch Täter sich nach einem Schlichtungsgespräch als „Verlierer“ begreifen, stattdessen sollen sie lernen Konflikte auf bessere Weise selbst lösen zu können.

Nach einem gründlichen Training können Jugendliche die Rolle der Streitschlichter selbst übernehmen. In den USA und Großbritannien wurden diesbezüglich schon einige positive Erfahrungen gesammelt. Seit den Achtziger Jahren wird dort die sogenannte „Peer-Mediation“, bzw. „Peergroup-Education“ betrieben.

Anti-Aggressivitäts-Training ist ein weiterer Lösungsansatz zur Bekämpfung von Gewalt an Schulen. Hier sollen Täter stärker mit ihren Opfern, und dem Unrecht, das sie ihnen zugefügt haben, konfrontiert werden. Diese Art von Training hat sich bereits im Strafvollzug bewährt und soll nun auch stärker an Schulen eingesetzt werden. Den Tätern soll einerseits durch verbale Provokationen die „Lust“ an Gewalttaten genommen werden, andererseits soll ihr Mitgefühl für die Opfer geweckt werden.

Die Einführung von Mobbing-Telefonen für Schüler ist vor allem deshalb wichtig, weil der überwältigende Teil der Betroffenen keine Erwachsenen zu Rate ziehen möchte (Eltern, Lehrer, Schulpsychologen, etc.). Hier können sich Täter und Opfer objektiv und anonym beraten lassen. Bei schwerwiegenden Fällen werden weiterführende Kontakte vermittelt. Auch Eltern und Lehrer erfahren hier Unterstützung.

Interview mit einem Lehrer zum Thema Mobbing

Frau Peters (Name wurde von der Redaktion geändert) unterrichtet an einer Grundschule in einer deutschen Großstadt.

infoquelle: „Frau Peters, gibt es Mobbing unter den Schülern Ihrer Schule und wenn ja, mehr unbemerkt oder sehr deutlich für alle sichtbar?“

Frau Peters: „Ja, auch an meiner Schule gibt es Mobbing – dies läuft zum Großteil eher unterschwellig ab. Die harmloseste Form ist, anderen die eigene Gunst verwehren, wenn man dafür selbst im Mittelpunkt stehen kann. Wer wie und wo integriert, bzw. ausgeschlossen wird, macht sich schon bei der Sitzplatzordnung bemerkbar: Wer darf zum verschworenen Kreis, der wichtigsten Clique dazugehören und wer wird ausgeschlossen und wird so leichter zum Mobbingopfer?“

infoquelle: „Wie macht sich das Mobbing bemerkbar?“

Frau Peters: „Mit Schimpfwörtern, die weit unter die Gürtellinie gehen (Hurensohn, Hurentochter, … sind noch die harmlosesten). Selbstverständlich auch durch das Wegnehmen von persönlichem Eigentum (die kleinen Spielzeug-Gogos, zum Beispiel, sind oft Ursache von Mobbinghandlungen: einige Modelle davon werden massenweise hergestellt, andere werden künstlich knapp gehalten. So entsteht natürlich ein Run auf die künstlich knapp gehaltenen GoGos, diese werden dann per Mobbing den Schwächeren abgenommen).
In der Klassengemenschaft besteht eine große Identifikationsbereitschaft derer, die bereit sind, sich dem Mobberkreis anzuschließen. Wichtige Mittel, dieses Ziel zu erreichen, sind Markenklamotten und vor allem Mobben gegen Schwächere.“

infoquelle: „Haben Sie den Eindruck, dass Mobbing an deutschen Schulen in den letzten Jahren zugenommen hat, die Verhaltensweisen „krimineller“ geworden sind?“

Frau Peters: „Ja, die emotionale Verwahrlosung hat deutlich zugenommen, die Grenzen verschwimmen immer mehr. Die Möglichkeiten, soziale Bindungen aufzubauen sind immer unklarer definiert.
Ein Beispiel: früher war es in Wohnungen häufig zu eng – seit ca. 30 – 40 Jahren hat sich dieses Phänomen gelegt. Kinder haben häufig schon ihre eigenen Zimmer. Dies führt dazu, dass man sich nicht mehr mit Geschwistern arrangieren muss. Viele Kinder haben nicht gelernt, sich mit Mitmenschen auseinanderzusetzen. Sie können aber auch nicht das Gefühl genießen, dass der Bruder / die Schwester trotz großem Streit erhalten bleibt, einfach aufgrund der Tatsache, dass man das Zimmer teilt. So entstehen später Ängste bzgl. der Streitkultur: bleibt mir der/die Freund/in erhalten, wenn ich einen offenen Streit ausbreche??? Die fehlende Streitkultur erschwert auch den Umgang mit Konflikten, die dann immer häufiger wesentlich subtiler oder gewalttätiger ausgelebt werden.“

infoquelle: „Also haben immer mehr Kinder soziales Verhalten in der Gruppe noch nicht erlernt, wenn sie in die Schule kommen.“

Frau Peters: „Der Sozialisation in Richtung des aktiven Zusammenlebens kommt immer weniger Bedeutung zu. Stattdessen entstehen Ängste, Misstrauen wird geschürt. Die Grenzen der Ängste weiten sich aus, es fehlt die notwendige Sicherheit, ob Freundschaften auch bei Streit oder Meinungsauseinandersetzungen noch erhalten bleiben. Die Bereitschaft schwindet, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Auch die gestiegene Angst vor einer Scheidung der Eltern steigert dieses Gefühl der Verlustängste.“

infoquelle: „Was glauben Sie, sind die Ursachen für das Mobbingverhalten unter den Schülern?“

Frau Peters: „Fehlendes Unrechtsbewusstsein und völlige emotionale Verwahrlosung. Da Bedürfnisse immer mehr durch Konsum statt durch Zeit befriedigt werden, hat man verlernt, mit Gefühlen umzugehen. Konflikte werden auf Äußerlichkeiten projiziert, also weniger „ich finde dich doof“, als viel mehr „deine Klamotten sind doof“.
Das Leben gilt immer mehr als Comedy – habe ich die Lacher auf meiner Seite, bin ich „in“. Der Funfaktor bringt Coolness und schafft gleichzeitig Distanz, ist ein perfektes Werkzeug, ja keine Gefühle zeigen zu müssen. Viele begreifen den Schulgang nur als Spaß, als Gelegenheit im Mittelpunkt zu stehen und die eigene Coolness vor anderen darzustellen. Nicht nur die Schule, das ganze Leben ist „just fun and nothing else“.“

infoquelle: „Mit dieser Lebenshaltung schwindet auch die Bereitschaft Eigenverantwortung zu übernehmen. Kommt man überhaupt noch an die Schüler ran?“

Frau Peters: „Kaum noch, es gilt: wird man mal erwischt, lacht man cool, streitet einfach alles ab und zieht sich zurück. In diesen Fällen gibt es oft kein Rankommen mehr.
Die Minderwertigkeitsgefühle sind parallel zu Konsumsucht deutlich gestiegen, auch gerade von der Elternseite aus.
Gefühle zeigen ist überhaupt nicht in: lachen statt weinen, Coolness statt Ausrasten, Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Angst werden unterdrückt und versteckt.
Doch auch positive Gefühle kommen immer weniger auf: selbst bei Hitzefrei oder Ähnlichem kommt eigentlich keine richtige Freude mehr auf – denn Hitzefrei bedeutet meistens Rumlungern und konsumorientierte Langeweile.“

infoquelle: „Zurück zum Mobbing? Wie läuft das an Ihrer Schule ab?“

Frau Peters: „Mobbing funktioniert ja beidseitig: einmal von denen, die im Mittelpunkt stehen wollen, sogenannte Anführer, und dann von denen, die sich in deren Schatten wohler fühlen als alleine. Für die Mitläufer gilt: „gehöre ich zu diesem Kreis, kann ich ganz gut in der Masse verschwinden und entgehe der Gefahr, selber gemobbt zu werden. Werde ich aus diesem Kreis ausgeschlossen, bin ich dem Mobbing der anderen schutzlos ausgeliefert. Es ist leichter Freunde zu finden, wenn ich mich diesem Kreis anschließe, da dieser davon lebt, dass sich Mitschüler/innen anschließen. Die Gefahr, dass ich nicht mit rein darf, ist bei so einem Kreis wesentlich geringer, als wenn ich mich auf die Suche nach einer/m Freund/in mache, denn die „Gesetze“ einer Gruppenaufnahme sind klarer zu durchschauen. Die Kinder werden erst mal versuchen, sich dem erstrebten Kreis anzunähern, um die Regeln für die Aufnahme besser abschätzen zu können. Nachdem sie sozialen Regeln der jeweiligen Gruppe erlernt haben, beginnt die Anpassungsphase.

Kinder, die erlebt haben wie ältere Geschwister gemobbt wurden, werden alles versuchen, nicht zu den Mobbingopfern zu gehören. Je nach Persönlichkeit passen sie sich schon vorhandenen Gruppen besonders gut an, oder „gründen“ eigene Cliquen.
Auch Kinder, die durch ihre familiäre Situation Minderwertigkeitsgefühle haben, passen sich besonders gut der Masse an. In einigen Fällen verstecken sie ihr mangelndes Selbstwertgefühl, indem sie Führungsrollen beim Mobben anderer einnehmen.“

infoquelle: „Wie hat sich das Umfeld verändert, in dem Mobbing aggressiver werden konnte?“

Frau Peters: „Seit circa 30 Jahren hat der Konsum hat ganz andere Dimensionen angenommen. Man will etwas geboten bekommen, man will genießen. Alles ist sehr erlebnisorientiert: ohne neue Kicks, neue Erlebnisse und Adrenalinschübe herrscht ganz schnell Langeweile. Darunter leidet natürlich auch der Umgang mit der eigenen Kreativität, da zur freien Entfaltung auch Ruhe oder „Mut zur erlebten Langeweile“ benötigt wird. Bedürfnisse werden nicht mehr ideell befriedigt, sondern konsumorientiert. Der Mangel, den Eltern teilweise noch erlebten oder erleben, wird indirekt weitergegeben: „Du sollst es besser haben, ich kann Dir alles bieten“. Dieses Angebot bezieht sich nur allzuoft auf Konsum und nicht auf „Zeitgeschenke“. Gleichzeitig entstehen so auch neue Ängste: was passiert, wenn ich mir diesen Konsum nicht mehr leisten kann.

Es wird immer wichtiger für die Zukunft, mit den Kindern wieder ins Gespräch zu kommen, um ihnen wieder andere Werte mitgeben zu können. Man muss sich jedoch darauf einstellen, dass diese Veränderungen lange Zeit in Anspruch nehmen werden. Erfolge können manchmal vielleicht erst im Erwachsenenalter der Kinder zum Durchbruch kommen.

infoquelle: „Richtet sich das Mobbingverhalten der Schüler nur gegen Mitschüler oder auch gegen Lehrer?“

Frau Peters: „In der Grundschule richtet sich Mobbing nur gegen Mitschüler. Die Schüler trauen sich noch nicht so ran an die Lehrer; die Angst vor Strafe ist noch deutlich grösser als bei älteren Schülern. Jüngere Schüler sind noch mehr in die Familie eingebunden und Fehlverhalten in der Schule bringt auch Strafen zu Hause ein.
Allerdings werden Bestrafungen wegen Zeitmangel der Verantwortlichen sehr oft nur inkonsequent umgesetzt. Deshalb besteht die Gefahr, dass Kinder sich noch nicht mal in ihren Fehlern ernst genommen fühlen und nicht rechtzeitig, oder gar nicht lernen, dass Fehlverhalten Konsequenzen hat. So wird das Gerechtigkeitsbewusstsein vieler Kinder zunichte gemacht.“

infoquelle: „Wurden, seitens des Lehrkörpers, bzw. der Schulleitung, Maßnahmen gegen das Mobbing eingeleitet?“

Frau Peters: „Seitens der Schulleitung wird die ‚heile Familie‘ propagiert, die Sorge um den Ruf und das Image der Schule ist größer als die um die Entwicklung der Schüler. Ähnlich verhält es sich innerhalb mancher Klassen und Familien: Mobbing wird geheimgehalten, übertüncht oder schön geredet. Kinder lernen sehr schnell, welche Themen tabu sind. Doch darf man sich nicht wundern, wenn dadurch das Konfliktbewältigungspotential immer kleiner wird.

Seitens des Lehrkörpers wird oft das Gespräch gesucht. Das gestaltet sich wegen oben genannter „Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität“ oft sehr schwierig.

Ein kleiner „Trick“ der Lehrer ist das Organisieren von Elternabenden vor Klassenfahrten. Dann kommen viele Eltern, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Abgesehen von wichtigen organisatorischen Informationen, können auch andere, mobbingspezifische Themen angesprochen werden. Ein für den Elternabend organisiertes Rahmenprogramm kann dafür sorgen, dass bestimmte Themen nicht schülerbezogen, sondern allgemein zur Sprache gebracht werden. Kurze Filme oder Vorträge können hier sehr hilfreich sein. Natürlich wollen Eltern alles besser machen, sind bei der Umsetzung aber oft überfordert. Über Probleme kann dann viel offener diskutiert werden. Sehr gute Erfahrungen habe ich auch damit gemacht, nach dem Elternabend noch mit ein paar Eltern auf ein Bierchen in die Kneipe zu gehen. In der privateren Atmosphäre lässt es sich viel leichter über heiße Themen diskutieren und die Eltern erhalten die Chance, sich dazu mit den anderen Eltern auszutauschen, und zu erkennen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind.

infoquelle: „Welche Lösungsansätze sehen Sie für dieses soziale Problem?“

Frau Peters: „Folgende Lösungsansätze für Mobbing in diesem Alter und Umgang mit Fehlern und Strafe sind vielversprechend:

  • wir müssen wieder lernen, unseren Kinder und Mitmenschen ruhig auch ihre Fehler ehrlich zu verzeihen. Der ehrliche und freundliche Umgang ist sehr wichtig: nur so lernen die Kinder, andere zu respektieren, ein Rückgrat aufzubauen und kreativer mit Fehlern umzugehen;
  • gerade kleineren Kindern tut es zum grössten Teil noch sehr leid, wenn sie einen Fehler begangen haben. Hierauf müssen Eltern / Lehrer eingehen, indem sie ihren Kindern nicht nur ihre Fehler ehrlich verzeihen, sondern ihnen auch die Zeit widmen, auf die Fehler einzugehen und Lösungsvorschläge für ein anderes Verhalten aufzuzeigen und auch eigene Fehler nicht verheimlichen;
  • das Kind soll gar nicht erst unter den Druck geraten, eine vermeintliche heile Welt zu stören und Fehler oder Missetaten geheimzuhalten.

infoquelle: „Ist es schwierig „Täter“ und „Opfer“ an einen Tisch zu bringen und frei über vorhandene Probleme zu sprechen?“

Frau Peters: „Nein, das ist überhaupt nicht schwer. Es kommt nur häufig kein ehrliches Gespräch zustande, das einem sinnvollen Ergebnis aber zugrunde liegen muss. Es kommen zwar Aussagen, wie „ja, tut mir leid“; da diese aber nicht ehrlich gemeint sind, geht es am nächsten Tag weiter wie zuvor. Die Gründe hierfür sind:

  • Coolness (siehe oben)
  • Inkonsequenz bei der Bestrafung
  • Zeitmangel der Verantwortlichen

infoquelle: „Vielen Dank für das Gespräch, Frau Peters.“