Perfektionismus – das unbekannte Wesen

<stolz>“Natürlich, ich bin ein Perfektionist 🙂 .“</stolz> schallt es uns des öfteren aus Interviews entgegen. Wir leben in einer Welt, die in vielen Lebensbereichen auf Perfektion pocht (perfekt diäten, perfekt bewerben, perfekt verhandeln, …, perfekte Werbewelt).

Und: Wer will nicht auch einmal perfekt sein?

Das eine Mal nur: die Perfektion erreichen und dafür die gesammelte Beachtung, Bewunderung und Anerkennung einstreichen.

Fakt ist:
Spitzensportler, begnadete Künstler, sozial engagierte Menschen, erfolgreiche Manager, Wissenschaftler, die werbende Dauerberieselung auf perfektem Höhenflug  präsentieren uns Leistungen oder Erlebnisse, die wir manchmal als perfekt empfinden und die in jedem von uns schon einmal die Sehnsucht geweckt haben, Ähnliches zu erleben.

Im Gegensatz dazu erfahren wir aus der Psychologie,  …

    • dass  Perfektionismus durch überhöhte Erwartungshaltungen und Selbstüberforderung die Fertigstellung von Aufgaben gar behindert.
    • Dass Perfektionismus Bestandteil der anankastischen [zwanghaften] Persönlichkeitsstörung ist und sich u.a. auszeichnet durch übertriebene Pedanterie, Unentschlossenheit, Misstrauen, Zweifel, übermäßige Vorsicht und Kontrolle.
  • Dass Perfektionismus nicht so sehr zu überdurchschnittlichen Leistungen, sondern eher zu Rückenschmerzen, Magenproblemen, Migräne, BurnOut, Magersucht, etc. führen kann.

Ja, Du meine Güte, …

…da ist einem ja fast wie im Schleudergang der Waschmaschine zumute. Perfekte Spitzensportler oder Wissenschaftler sind also unentschlossen, misstrauisch, zweiflerisch und holen sich somit die Goldmedaillen oder Nobelpreise?
=> Der Perfektionist, das unbekannte Wesen, findet sich in unserer Gesellschaft tatsächlich in zwei völlig gegensätzlichen Ausdrucksformen wieder. Krass ausgedrückt …

    • … handelt es sich einmal um den detailverliebten Pedanten, um den ängstlichen Kollegen, der seine Fehler gerne hinter Unentschlossenheit, Misstrauen, Zweifel, übermäßiger Vorsicht und Kontrolle versteckt. Erst durch äußeren Druck motiviert er sich ganz ungemein, anstehende Aufgaben anzupacken.
  • Auf der anderen Seite steht der erfolgsverwöhnte, sportliche Charismatiker mit Topfigur und künstlerischen Fähigkeiten, der den Nobelpreis am Montag erobert, am Dienstag der Entspannung frönt, um von Mittwoch bis Freitag als genialer Manager sein Unternehmen von einem Erfolg zum nächsten zu geleiten.

Die Sehnsucht nach Anerkennung jedoch schwingt immer mit.

Werden wir als Perfektionisten geboren?
Nein. Erst die individuelle Lebenserfahrung lehrt uns, wie hoch wir die eigene Erwartungslatte anlegen „sollen“, um     _den_Hochsprung_    zu meistern, der uns die notwendige Anerkennung verschaffen wird.

Wann ist Perfektion destruktiv?

Ein rasantes Beispiel hierfür ist Vincent van Gogh:

Nein, es geht jetzt mal nicht um sein abgeschnittenes Ohr. Die Geschichte handelt vielmehr von seiner tief verwurzelten, ehrlichen Leidenschaft, das perfekte Bild zu erschaffen. Ja, er wurde ver-rückt über die vielen Versuche, sein Innerstes nach außen zu kehren. Innerlich sah er „das perfekte Bild“ schon vor sich. Er ging dann auf die Felder. Sein Körper sog mit allen Phasern diese intensive Schönheit der Natur in sich auf. In ihm brannte es, die Leidenschaft seiner Blicke und Gefühle auf die Leinwand zu bannen. Und immer, wenn er das fertige Bild sah, war ihm klar, dass es sich wieder nicht um jenes perfekte Bild handelte – sein innerliches Bild war immer einen Zacken schöner, farbendurchtränkter, lebendiger, lebensnaher. Er fand nicht das ungebändigte Beben seines Körpers auf seinen Bildern wieder. Und anerkannte dabei diese gigantische Schönheit seiner Bilder im Laufe der Zeit immer weniger. Ob er sie nicht mehr wahrnehmen konnte? Wir wissen es nicht genau.

Was wir aber wissen, ist, wie unser ureigenes perfektes Bild aussieht, das da lauert und auf Erfüllung hofft, harrt und mit den Hufen scharrt.

Wie kann man Perfektionismus nutzen?

Indem man sich den eigenen Talenten öffnet und sich dem inneren Bild in aller Deutlichkeit stellt, darüber spricht, erzählt.
Indem man die eigenen Erwartungen mit den eigenen Stärken und Talenten realistisch in Einklang bringt – eine gesunde Balance herstellt.
Indem man sich bei der Entdeckung, dass wesentlich mehr in einem steckt, als jemals vermutet 🙂 nicht nur wundert, sondern die Freude darüber genießen lernt.
Indem man sich von dem ziellosen Umherirren auf weiten Feldern der Perfektion verabschiedet und sich auf die wesentlichen Ziele konzentriert.

Konstruktive Perfektionisten (=sie sind sich absolut im Klaren, wie Ihre ganz konkreten Ziele aussehen) sind übrigens gefragte Team-Mitarbeiter. „Das ideale Management-Team sollte aus acht Mitgliedern bestehen, von denen jeder eine bestimmte Team-Rolle einnimmt. Wenn es je einen Macher, einen Umsetzer, einen Beobachter, einen Team-Arbeiter, einen Wegbereiter, einen Chairman, einen Neuerer und einen Perfektionisten gibt, könnten sich die Team-Mitglieder durch ihre verschiedenen Fähigkeiten optimal gegenseitig unterstützen“, Dr. Meredith Belbin

Übrigens, wie Sie einen Espresso perfekt zubereiten, erfahren Sie auf unserer Seite Siebtraegermaschine.net, die sich mit dem Thema Kaffee und Espresso in seiner Perfektion beschäftigt. Aber übertreiben Sie es nicht mit Ihrem Perfektionismus, auch halb perfekter Espresso schmeckt eventuell schon Welten besser als normaler Filterkaffee 😉