Der Tastsinn

Der Tastsinn wird, zusammen mit dem Geruchs- und Geschmacksinn, zu den „unteren Sinnen“ gezählt. Durch diese Klassifizierung wird auch schon deutlich welche Sinne heute im Vordergrund stehen, das Hören und noch viel mehr das Sehen.

Die Visualität hat sich im 20. Jahrhundert zum Hauptkriterium für die Wahrnehmung unserer Umgebung entwickelt. Wahre Bilderfluten stürzen täglich über uns herein. Die Medien versuchen mehr und mehr das „hautnahe Erleben“ durch Voyeurismus zu ersetzen. Paradebeispiel hierfür ist natürlich „Big Brother“. Auch die zur Zeit so populären Adventure-Shows schlagen in diese Kerbe.

„Gemeinsam“ mit den Kandidaten bewältigen wir immer schwierigere Aufgaben. Schlangen, Kakerlaken, Heuschrecken, Spinnen und ähnliches Getier müssen berührt werden und natürlich sind wir als Fernsehzuschauer heilfroh, nicht in der Haut der Kandidaten zu stecken.

Es ist jedoch zweifelhaft, ob die Visualität jemals die gleichen Qualitäten vermitteln kann. Es ist ein gewaltiger Unterschied ob man das Tasten und Fühlen „indirekt“ über den Sehsinn vermittelt, oder ob man „richtig“ fühlt, hautnah spürt.

Im Mittelalter stärkten die Herrscher Europas ihre Machtposition durch das Berühren ihrer Untertanen. Bei der Krönung drängte das Volk an den (zukünftigen) König heran und berührte seine Gewänder. Durch die Berührung preisten die Menschen ihren neuen Anführer, zeigten ihm ihre Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam. Gleichzeitig strömte die königlich-göttliche Energie auf die Untertanen über.

Hiervon ist übrig geblieben, was heute als „Bad in der Menge“ bezeichnet wird. Monarchen, Politiker und Stars lassen sich immer wieder gerne von der sie veehrenden Menge „verschlucken“. Wer einmal die Hand des Kanzlers geschüttelt, den Saum der Papstrobe berührt oder „seinen Star“ eigenhändig umarmt hat, hat eine neue, zumeist viel stärkere, „persönlichere“ Beziehung zu seinem Idol.

Der Tastsinn ist der allererste Sinn, mit dem Menschen ihre Umgebung wahrnehmen. Schon im Mutterleib „trainieren“ Föten ihren Tastsinn und Gleichgewichtssinn, diese beiden Sinne bilden das Fundament unserer gesamten Wahrnehmung. Mit Händen, Körper und vor allem mit dem Mund ertasten Säuglinge ihren Lebensraum. Je älter die Kinder werden, umso mehr laufen die anderen Sinne dem Tastsinn den Rang ab.

Dennoch ist der Tastsinn auch für Erwachsene von elementarer Bedeutung. Mit seiner Hilfe erkennen wir die vier natürlichen Grundelemente Feuer (Hitze, Wärme), Wasser, Erde und Luft, und stellen uns darauf ein. Ohne das Erkennen der Umgebung ist der Mensch nicht überlebensfähig

Die grösste Bedeutung für die Menschen der Gegenwart hat der Tastsinn bei Zärtlichkeit und Sexualität. Das Spüren des Körpers des Partners lässt einen den eigenen Körper spüren, der wiederum den Körper des Partners spürt.