Das Gesicht: lesen, Phrenologie, Kindchenschema

Das menschliche Gesicht ist schon sehr „alt“: Seit dem Cro-Magnon-Menschen, also seit 35.000 bis 40.000 Jahren hat es sich kaum verändert. Im Vergleich dazu ist der Körper immens gewachsen.

Das Gesicht nimmt nur eine kleine Fläche unseres Körpers ein, doch diese 300-400 cm2 haben es in sich: alle Sinnesorgane befinden im Gesicht (die Haut natürlich auch auf dem Rest des Körpers), wir nutzen das Gesicht zur Wahrnehmung und gleichzeitig als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel.

Es ist das markanteste Merkmal unserer Individualität, die wichtigste Ausdrucksfläche unserer „Persönlichkeit“, so etwas wie die Fassade des Ichs oder die Bühne des Gehirns. Im Gesicht manifestieren sich innere Zustände und Vorgänge.

Manche Menschen können ihre Gefühle kaum verbergen, deutlich sind sie für die Mitmenschen sichtbar, je besser man sich kennt, um so besser ist man in der Lage die Gefühle des Freundes oder Partners im Gesicht abzulesen.

Andere haben ihren Gesichtsausdruck gut unter Kontrolle, doch selbst deren Gesicht verrät mehr über Charakter und derzeitigen Gemütszustand, das innere Wesen, als ihnen lieb ist.

Gleichzeitig ist das Gesicht ist die wichtigste Visitenkarte des Menschen, zumindest was den wichtigen ersten Eindruck angeht. Kein Wunder, dass das Aussehen des Gesichts für viele Menschen so wichtig ist. Es wird gepflegt, geschmückt und oftmals wie eine Trophäe vor sich selbst her getragen.

Redewendungen wie „das Gesicht verlieren“, „das Gesicht wahren“ oder „Gesichtsverlust“ verdeutlichen welch prominente Rolle das Gesicht bei der Selbstdarstellung und der gesellschaftlichen Wahrnehmung spielt.

Gesichter erkennen

Schon mit drei Wochen können Säuglinge den Umriss des Gesichts der Mutter erkennen. Schnell lernen sie auch andere Gesichtsmerkmale und weitere Gesichter, bzw. Personen zu unterscheiden. Wenn sie die Wahl haben, schauen sie lieber Gesichter an als andere Formen.

Bald bemerken sie auch, dass sie Anerkennung und Liebe bekommen, wenn sie das richtige „Gesicht aufsetzen“. Angenehme Situationen können durch ein Lächeln hinausgezogen werden, außerdem gibt es eine Belohnung in Form von Aufmerksamkeit und/oder Zuwendung.

Ist das Baby vergrämt, wird ein finsteres Gesichtchen gemacht. Die Mimik ist zu Beginn das einzige Kommunikationsmedium. Viele Eltern erkennen verschiedene Gesichtsausdrücke ihrer Kinder, das Windel-voll-Gesicht, das Bauchweh-Gesicht und viele mehr.

Die Gesichter, denen wir im Alltagsleben begegnen, geben uns Informationen über Geschlecht, Alter, Herkunft und vorherrschende Laune der betrachteten Person.

Für das Erkennen von Gesichtern sind beide Gehirnhälften nötig. Der Hauptanteil der Arbeit wird von einer bestimmten Hirnregion im Hinterlappen geleistet. Wenn diese verletzt wird, können Menschen Gesichter nicht mehr wieder erkennen, im schlimmsten Fall nicht mal ihr eigenes Gesicht im Spiegel.

Diese Krankheit heißt Gesichtsblindheit oder Prosopagnosie. Es ist die Verbindung zwischen Gesicht und Identität der Mitmenschen, die durch sie verloren geht. Doch wer darunter leidet, kann sich mit anderen Erkennungsmerkmalen behelfen: Stimme, Haltung, typische Bewegungen und Gerüche sind weitere wichtige Anhaltspunkte für die Identitätserkennung

Problematischer kann es werden, wenn jemand sein Gesicht nicht „sprechen“ lassen kann. Die Gesichtslähmung oder Fazialislähmung kann durch Krankheiten wie Parkinson, das Mobius Syndrom oder schwere Infektionen entstehen.

Wie wichtig das Gesicht als Medium zwischen Individuum und Mitmenschen ist, wird erst deutlich, wenn es nicht mehr „funktioniert“. Oft sind die Betroffenen nicht in der Lage tiefere Beziehungen einzugehen, bzw. aufrecht zu erhalten. Die Basis des Zusammenlebens, der emotionale Austausch, ist empfindlich gestört.

Wie interpretieren wir Gesichter?

Das Interpretieren von Gesichtern geht automatisch mit einer Beurteilung nicht nur des Gesichts, sondern auch der Persönlichkeit und des gegenwärtigen Gemütszustands einher.

Wenn wir einem Menschen zum ersten Mal begegnen, spielt nach den grundlegenden Beobachtungen (Alter, Geschlecht und „äußerer Zustand“), das „Wiedererkennen“ eine große Rolle.

Bei der Beurteilung verschiedener Eigenschaften des Gesichts

  • Gesichtszüge
  • Angespanntheit des Gesichts
  • Mundform
  • Augenform und -ausdruck
  • Teint und Hautoberfläche

kommen unsere persönlichen Erfahrungswerte ins Spiel. Mehr oder weniger unbewusst vergleichen wir die einzelnen Merkmale mit denen von Menschen, die wir schon kennen. Dann ziehen wir Analogien zu den Charaktereigenschaften und Verhaltenweisen der jeweiligen Person.

Oftmals sehen wir auch Ähnlichkeiten zu bestimmten Tieren. Sieht jemand aus wie ein Stier, so wird man ihn kaum als friedfertig oder scheu einschätzen.

Phrenologie

Der Wiener Arzt Franz Josef Gall (1758-1828) ist der Begründer der Phrenologie. Der Begriff kommt aus dem Griechischen: „phren“ steht für Verstand, „logos“ für Lehre. Die wichtigsten Punkte seiner Theorie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Das Gehirn ist das Organ des Verstandes, dieser setzt sich aus unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen. Die Fähigkeiten und Charakterzüge sind in verschiedenen Organen im Gehirn angesiedelt, die Größe des einzelnen Organs lässt auf die Stärke der jeweiligen Fähigkeit schließen.

Die Form des Gehirns ist von der Ausprägung der einzelnen Organe abhängig. Der Schädel passt sich der Form des Gehirns an, somit können individuelle Fähigkeiten und Charakterzüge anhand der Schädelform erkannt werden.

Gall hatte den Schädel in 27 Bereiche unterteilt. Das Repertoire reichte von Fortpflanzungstrieb, Elternliebe, Freundschaftssinn, über Mördersinn und Diebessinn, bis hin zu Sprachsinn, Farbensinn, Witz, etc..

Ein Beispiel: Menschen mit einer hervortretenden, gewölbten Stirn wurden als „gute Menschen“ eingestuft, denen das Wohl ihrer Mitmenschen am Herzen lag. Hatte jemand eine gewölbte Stirn und war dennoch ein Schurke, wurde dies mit der Erklärung abgetan, dass andere „Gehirnorgane“ für das „Böse“ verantwortlich waren.

Trotz dieser unkritischen, unwissenschaftlichen Haltung entwickelte sich die Phrenologie vor allem im angelsächsischen Raum zu einer der populärsten „Wissenschaften“. Im 19. Jahrhundert suchten die Menschen scharenweise Phrenologen auf um, sich den „Kopf lesen zu lassen“.

Sehr viele Kinder wurden analysiert, um ihre Begabungen und Zukunftschancen zu ermitteln. Einige Arbeitgeber verlangten einen solchen „Charaktertest“ von ihren Bewerbern. Paare, die heiraten wollten, ließen analysieren, ob sie zusammenpassten.

Mark Twain trifft Phrenologen

„Beulologie“ war der Name der Spötter für die Phrenologie. Akademiker und Scharlatane zogen durchs Land und betasteten die Köpfe der Bevölkerung. Mit Zirkeln, Maßbändern und anderen Instrumenten ging man zu Werke.

Seit geraumer Zeit versuchen Menschen sich selbst auf die Schliche zu kommen, vermeintliche Geheimnisse um die eigene Persönlichkeit, Seele zu lüften. Besonders beliebt dafür sind der Blick in den Spiegel, oder das Urteil anderer.

Einen amüsanten Bericht über den Phrenologen Fowler lieferte Mark Twain. Als er in London lebte besuchte er den Professor im Abstand von drei Monaten, um sich den Kopf lesen zu lassen. Bei seinem ersten Besuch blieb er inkognito.

Fowler entdeckte zunächst eine Mutbeule und attestierte Twain einen eisernen Willen und unbegrenzte Furchtlosigkeit, Zitat: „Ich [Twain] war erstaunt und sehr befriedigt: das hatte ich nie zuvor vermutet.“

Doch dann fand der Phrenologe einen Hohlraum genau an der Stelle, an der der Humor sitzt. Fowler sprach Twain jeglichen Humor ab. Twain war verletzt und gedemütigt, ließ sich aber nichts anmerken.

Beim zweiten Besuch tauchte er als Mark Twain auf. Fowler hatte ihn offensichtlich vergessen. Aus dem Hohlraum wurde nun „die erhabenste Humorbeule, der er in seinem ganzen Leben begegnet war.

Wie diese Anekdote verdeutlicht, wurde die Phrenologie von vielen Zeitgenossen als Pseudo-Wissenschaft angesehen. Von Ansehen und gesellschaftlicher Bedeutung her, entspricht sie in etwa der Astrologie im 20. Jahrhundert (dran glauben oder nicht, macht den Unterschied!).

Physiognomie Gesicht

Seit mehr als 3000 Jahren werden Charakter und Zukunft anhand von Gesichtern gedeutet. In China lasen viele Ärzte die Krankheiten ihrer Patienten in deren Gesichtern.

Berühmtester Vertreter der „modernen“ Physiognomie ist Johann Caspar Lavater (1741-1801), ein guter Freund von Goethe. 1772 veröffentlichte er das grundlegende Werk Von der Phsyiognomik (vollständig online beim Projekt Gutenberg).

Das Buch, vor allem die „100 physiognomischen Regeln“, am Ende, bringen den Leser heute nicht wirklich weiter, sind dennoch amüsant zu lesen. Mit Sicherheit bescherte Lavater der westlichen Welt jede Menge Vorurteile damit. Seine Lehre fand bis ins 19. Jahrhundert viel Beachtung.

Die auf Größe, Form und Aussehen einzelner Gesichtsteile basierenden Charakterdeutungen waren äußerst populär.

Beinahe hätten sie Charles Darwins wichtige Forschungsreise nach Südamerika, Südafrika und den Pazifik verhindert. Robert Fitz-Roy, der Kapitän des Schiffs „Beagle“, wollte ihn erst gar nicht mitnehmen, weil er nicht die „richtige“ Nase für eine strapaziöse Fahrt hatte.

Darwin in seiner Autobiografie:
„Als ich mit Fitz-Roy eng vertrauit wurde, erfuhr ich, dass ich um Haaresbreite zurückgewiesen worden wäre, wegen der Form meiner Nase! Er war ein begeisterter Schüler von Lavater und überzeugt, er könne den Charakter eines Menschen aus dem Umriss seines Gesichts erkennen; er hatte Zweifel, ob jemand mit meiner Nase genug Energie und Willenskraft für die Reise besaß. Ich denke, er hatte sich zum Schluss davon überzeugt, dass meine Nase trog.“ (Quelle: Charles Darwin. Der Ausdruck der Gemütsbewegungen. Frankfurt/M, Eichborn: 2000, S. 10)

Ausdrucksweisen des Gesichts: Charles Darwin

Schon im 19.Jahrhundert beschäftigte sich Charles Darwin (1809-1882) mit den Ausdrucksweisen des Gesichts bei Menschen und Tieren (The Expressions of Emotions in Man and Animals, 1872).

In den von ihm entwickelten Fragebögen finden sich 16 Fotografien/ Lithografien von Gesichtern mit verschiedenen Gefühlsausdrücken: Wut, Freude, Ekel, Überraschung, etc.

Er verteilte Fragebögen an Engländer über den ganzen Globus (good old Commonwealth), und kam nach deren Auswertung zu dem Schluss, dass die Ausdrucksweisen des Gesichts universal sind.

Gefühle wie Angst, Wut, Freude, Überraschung, etc. werden, unabhängig von kulturellen Unterschieden, weltweit auf gleiche Weise mitgeteilt und richtig gedeutet. Darwins Studie hatte jedoch zu viele Schwachpunkte um akzeptiert zu werden, der größte davon, dass nicht Einheimische sondern Engländer befragt wurden.

Dem Psychologen Paul Ekman ist es zu verdanken, dass die Universalität, die Grenzenlosigkeit der mimischen Ausdrucksweisen wissenschaftlich untermauert wurde.

Gesichtsforschung im 20. Jahrhundert

Hjörstjö entwickelte 1970 ein Verfahren zur Kategorisierung von Gesichtsausdrücken: mithilfe von FACS = facial action coding system, differenzierte er 44 „action units“, mimische Variationen, die das Grundrepertoire der Ausdrucksmöglichkeiten eines Gesichts darstellen.

Die 22 mimischen Gesichtsmuskeln jeder Gesichtsseite können etwa 10.000 verschiedene Gesichtsausdrücke hervorbringen. Der Durchschnittsmensch setzt jedoch kaum mehr als 2.000 ein.

Die meisten mimischen Bewegungen werden durch gleichzeitige Tätigkeit vieler Muskeln hervorgerufen. Für ein Lächeln braucht man nur 17 Muskeln, um ein finsteres Gesicht zu machen 43!

Die Liste der universalen Gesichtsausdrücke ist wesentlich kleiner als die der Worte, die Emotionen umschreiben. Ein Grund hierfür ist die Tatsache, dass viele positive Gefühle wie Erleichterung, Stolz, Begeisterung, sensorisches Vergnügen, etc. nur einen Grund-Gesichtsausdruck haben.

Der Beobachter unterscheidet zwischen den verschiedenen positiven Gefühlen, indem er den Kontext und eigene Erfahrungswerte mit einbezieht.

Wenn es in einer Sprache kein Wort, keinen Namen für ein Gefühl gibt, heißt das lange nicht, dass es das Gefühl in diesem Land nicht gibt.

In Tahiti gibt es kein Wort für Traurigkeit (Levy 1984), doch auch dort können Menschen traurig sein und traurig aussehen. Im Englischen gibt es kein Wort für Schadenfreude, doch das Gefühl wird empfunden und ausgedrückt.

Gemeinsame Eigenschaften des Gesichtsausdruck von negativen Gefühlen (Traurigkeit, Reue, Schuldgefühle): die inneren Enden der Augenbrauen sind hochgezogen, die Wangen sind etwas hochgezogen und die Mundwinkel sind nach unten gezogen.

Für ein Gefühl gibt es unterschiedliche Gesichtsausdrücke, für „Ärger“ gibt es beispielsweise rund 60 mimische Ausdrucksweisen, die gewisse Grundzüge des Gesichts gemeinsam haben und sich so deutlich von den anderen Gefühlsfamilien Freude, Angst, Traurigkeit, Überraschung oder Ekel unterscheiden.

Die Bandbreite der Gefühlsfamilie Ärger reicht vom hinterlistigen, grinsenden Zucken des Intriganten, über leicht verärgerte Gesicht des genervten Familienvaters, bis hin zur wutentstellten Fratze des Cholerikers.

Es liegt eine hohe Übereinstimmung zwischen der Persönlichkeitsstruktur von Gesichtern und dem Fünf-Faktoren-Modell aus der Persönlichkeitsforschung, das im Folgenden vorgestellt werden soll.

Das Fünf-Faktoren-Modell: The big five

Die fünf Faktoren, auch „Big Five“ genannt, sind nicht einfach aus der Luft gegriffen. Sie beruhen auf zahlreichen Untersuchungen zur Selbst- und Fremdbeurteilung von Menschen auf der ganzen Welt.

Seit über 100 Jahren arbeiten Psychologen und Persönlichkeitsforscher daran den menschlichen Charakter „in Worte zu fassen“, sprachlich zu definieren. 1925 erschien im „Webster’s New International Dictionary“, eine von Gordon Allport und Henry Odbert zusammengestellte Sammlung von 17.953 persönlichkeitsbeschreibenden Begriffen.

Warren T. Norman kann als Begründer des Fünf-Faktoren-Modells angesehen werden. 1966 stellte die „Norman-Skalen“ vor, die seitdem von vielen anderen Forschern als Grundlage für die Persönlichkeitsforschung genutzt wurde.

Wie sieht das Fünf-Faktoren-Modell aus? Adjektive, die am häufigsten zur Beschreibung und Beurteilung von Menschen gebraucht werden, können allesamt fünf Hautpgruppen zugeordnet werden. Dieser lexikalische Ansatz kann in vielen unterschiedlichen Sprachen verwendet werden. Um nur einige zu nennen: deutsch, chinesisch, französisch, englisch, niederländisch, norwegisch, russisch, etc.

Mithilfe der Big Five können menschliche Verhaltensweisen in sinnvolle Kategorien geordnet werden, um die Elemente, aus denen sich die Persönlichkeit zusammensetzt besser analysieren und einschätzen zu können.

Die fünf Persönlichkeitsfaktoren sind:

  • Extraversion

gesellig, selbstbewusst, extrovertiert <=> scheu, schweigsam, introvertiert

  • soziale Verträglichkeit

warmherzig, rücksichtsvoll, taktvoll <=> kaltherzig, grob, egoistisch

  • Gewissenhaftigkeit

sorgfältig, zuverlässig, anpassungsfähig <=> impulsiv, nachlässig, verantwortungslos

  • emotionale Stabilität

nervös, selbstzweiflerisch, launisch <=> stabil, zuversichtlich, leistungsfähig

  • Intellekt/Kultur/Offenheit

phantasievoll, wissbegierig, originell <=> dumm, phantasielos, enger Horizont

Dieses Modell wurde auch von der Gesichtsforschung aufgegriffen, da das Gesicht das wichtigste Ausdrucksmittel der Persönlichkeit ist.

Weitere Kriterien, die bei der Beurteilung von Gesichtern hinzugezogen werden sind: Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Attraktivität, regionale Herkunft, etc.

Attraktivitätsforschung

Der Begriff der natürlichen Selektion ist jedem geläufig. Man verbindet damit die Lehre von Charles Darwin und dessen Werk der Evolutionstheorie „On the Origin of Species by Means of Natural Selection“ („Über die Entstehung der Arten durch natürliche Selektion“).

Die Anpassung an die jeweiligen klimatischen Bedingungen und die Ernährungslage war und ist von größter Bedeutung für die Entwicklung der Menschen, doch mindestens ebenso wichtig für das Überleben (der eigenen Gene) ist die sexuelle Selektion.

Eines der wichtigsten Kriterien der sexuellen Selektion ist das Aussehen des potenziellen Geschlechtspartners. Wird jemand als nicht attraktiv empfunden, hat er schlechtere Chancen sich zu reproduzieren.

Das gilt besonders für Frauen, denn auf der ganzen Welt ist für Männer das Aussehen der Frauen entscheidend, während Frauen mehr Wert auf den sozialen Status des Mannes legen.

Obwohl die Menschen seit Jahrtausenden von Schönheit fasziniert, oft regelrecht besessen sind, wollte bis vor kurzem keiner diesem Phänomen auf den Grund gehen. Die Attraktivitätsforschung steckt noch in den Kinderschuhen, erst Mitte der 60er Jahre begannen Psychologen Tests durchzuführen.

Wissenschaftler um Walster und Aronson hatten eine Tanzveranstaltung für Studieneinsteiger organisiert. Den Teilnehmern wurde erzählt, die Paare seien mithilfe eines Computers ermittelt worden, so kam man an Daten zu Persönlichkeit, Interessen und Partnerwünschen.

Am Tanzabend wurden die Paare völlig zufällig zusammengewürfelt, außerdem wurden sie, ohne ihr Wissen, von vier Helfern nach Attraktivität beurteilt, als sie die Karten kauften (Hoffentlich haben die ahnungslosen Versuchskaninchen ihr Geld zurückbekommen).

Nach dem ersten Kennenlernen wurden die Teilnehmer einzeln befragt, wie zufrieden sie mit ihrem Partner waren. Wichtigste Erkenntnis dieser Befragung war, dass weder Charakter, noch Intelligenz, noch besondere Fähigkeiten bei der Beurteilung des Partners von Bedeutung waren. Einzig und allein das Aussehen hatte Einfluss darauf wie beliebt der Partner war.

In vielen anderen Studien wurde immer wieder belegt, dass Attraktivität in fast allen Lebensbereichen von Vorteil ist. Ein hübsches Gesicht ist hierbei nicht automatisch ein attraktives Gesicht.

Fast die ganze Welt ist sich darüber einig, wie ein attraktives Gesicht aussieht, doch was genau sind die Kriterien, an denen Schönheit, Attraktivität festgemacht wird?

Diese Frage konnte bis heute nicht restlos geklärt werden, eine wichtige Antwort hat man aber schon gefunden. Das „Durchschnittsgesicht“ ist „schön“: Ende des 19. Jahrhunderts experimentierten Forscher mit den Fotos von Gesichtern verschiedener Personen. Die einzelnen Bilder wurden überblendet und heraus kam in der Regel ein Gesicht, das attraktivere, ebenmäßigere Züge hatte, als die einzelnen Gesichter, aus denen es sich zusammensetzte.

Das Überblenden von Porträts ist mit der Pixeldarstellung von Computerbildern wesentlich einfacher zu erreichen.

Ein solches „Durchschnittsgesicht“ ist jedoch viel seltener zu finden, als der Name annehmen lässt. Diese perfekte Schönheit ist in der Natur so gut wie nie anzutreffen. Bei Männern werden Abweichungen vom Durchschnittsgesicht eher als attraktiv empfunden, als bei Frauen.

Fast ebenso unmöglich ist das absolut symmetrische Gesicht. Die Symmetrie ist ein weiterer Punkt, an dem „Schönheit“ festgemacht wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass absolut symmetrische Gesichter attraktiv sind.

Schönheit und Attraktivität belieben weiterhin ein Geheimnis. Tatsache ist jedoch: Wer sich selbst schön findet, und mit dem entsprechenden Bewusstsein in die Welt geht, wird auch von anderen als schön wahrgenommen.

Das Kindchenschema Konrad Lorenz

Essenz des auf Konrad Lorenz zurückgehenden Kindchenschemas ist die Feststellung, dass Menschen mit bestimmten, „von der Natur gegebenen“ Reaktionsmustern auf gewisse Reize reagieren.

„Rund zieht“: Säuglinge und Kleinkinder wecken vor allem durch großen, runden Kopf und Körperrundungen die Aufmerksamkeit und den Fürsorgetrieb von Erwachsenen.

Die wichtigsten Merkmale des Schemas sind:

  • in Relation zum Körper sehr großer Kopf
  • große gewölbte Stirn vorspringender Hirnschädel
  • tief, bis unter der Mitte des Gesamtschädels, liegende Augen
  • verhältnismäßig kurze, dicke Gliedmaßen
  • allgemein rundliche Körperformen
  • weich-elastische Oberfächenbeschaffenheit der Haut durch bestimmte Fettschicht
  • Pausbacken
  • große runde Augen
  • kleine runde Nase

Längst hat die Werbebranche das Kindchenschema gewinnbringend eingesetzt. Die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist mit kaum einem anderen Mittel so gut zu erreichen.

Egal ob durch das knuddelig süße Baby, das keineswegs nur Windeln sondern auch Autos, Versicherungen, etc. „verkauft“, oder durch attraktive Frauen, knapp bekleidet, damit die ansprechenden Körperrundungen zur Geltung kommen.

Viele der Merkmale, die Kinder- und Erwachsenengesichter voneinander unterscheiden, sind auch die Unterscheidungsmerkmale zwischen den Gesichtern von Männern und Frauen.

Menschen bewahren immer einen gewissen Teil ihrer Kindheit- und Jugendmerkmale. Dieses Phänomen nennt man Neotenie. Im Vergleich zu Männern haben Frauen mehr neotene Merkmale, aber auch unter Geschlechtsgenossen gibt es Unterschiede.

Männer mit neotenen Gesichtszügen werden als „Milchgesicht“ oder „Babyface“ bezeichnet. Für Frauen gibt es keine entsprechenden, eher negativ konnotierten Begriffe, im Gegenteil: kindlich wirkende Frauen gelten im Allgemeinen als schön. Viele erfolgreiche Mannequins sind mittlerweile grade mal 12 oder 13 Jahre alt.

Wie kommen wir Lügnern auf die Schliche?

Das Gesicht fungiert mehr oder weniger als Spiegel unserer Gefühle. Man kann jedoch einerseits auch Gefühle ausdrücken, die man gar nicht empfindet, hiermit verdienen Schauspieler ihren Lebensunterhalt. Andererseits müssen Gefühle nicht notwendigerweise mimisch ausgedrückt werden.

Letzteres ist besonders gut an Politikern und Managern zu beobachten: Je tiefer sie im Schlamassel sitzen, um so undurchdringbarer wird die Maske, die sie aufsetzen. Doch niemand hat sein Mienenspiel völlig unter Kontrolle, kleine „Ausrutscher“, Ekman nennt sie leakage (Leck), verraten die Gefühle, die eigentlich verborgen bleiben sollten. Das sind die von den Kameraleuten herbeigesehnten Momente.

Die „Löcher“ in der Gesichtsfassade können sich auf vielfache Weise äußern. Ein guter Indikator, für Lügen und Unaufrichtigkeiten sind die Augen. Wer lügt, ist erregt, dadurch vergrößern sich die Pupillen (nicht vorschnell urteilen: auch die Wahrheit kann „aufregend“ sein, es kommt auch sehr auf die Situation an).

Einen weiteren Hinweis auf mögliche Lügen gibt die Blickrichtung. Wie Milton Erickson herausfand, schaut man eher nach rechts, in Richtung rechte Hirnhälfte, um etwas zu konstruieren (zu lügen). Erinnert man sich (wahrheitsgetreu) geht der Blick nach links. Dieser Vorgang läuft spiegelverkehrt für Linkshänder ab.

Weitere Parameter zur Bestimmung von „echten“ Gefühlen sind Stimme, besonders Klangfarbe und Satzmelodie, Körpersprache und physiologische Phänomene, wie rot werden, blass werden und Schweißausbrüche.

Gespielte Gefühle werden meistens mit einer bestimmten Mimik vorgetragen. Doch ein Laie hat seine Gesichtsmuskulatur nicht völlig unter Kontrolle, so entstehen Assymmetrien im Gesichtsausdruck.

Nur wenn ein Mensch wirklich glücklich ist mit einer Entscheidung, einem Ergebnis und mit sich selbst, kann er sich mit entspanntem, fröhlichen Gesicht der Öffentlichkeit präsentieren. Dieses „wahre“ Lächeln wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Neuroanatom Duchenne de Bologne „entdeckt“ und ist nach ihm benannt.

Drückt man Gefühle aus, die man nicht wirklich empfindet und macht das konsequent genug, können sich die entsprechenden Gefühle real einstellen. Wenn man nicht so recht wie einem zumute ist, ist Lächeln und Frohsinn auf jeden Fall die bessere Alternative.

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