Frau Peters (Name wurde von der Redaktion
geändert) unterrichtet an einer Grundschule in einer deutschen Großstadt.
infoquelle: "Frau Peters, gibt
es Mobbing unter den Schülern Ihrer Schule und wenn ja, mehr unbemerkt
oder sehr deutlich für alle sichtbar?"
Frau Peters: "Ja, auch an meiner
Schule gibt es Mobbing - dies läuft zum Grossteil eher unterschwellig
ab. Die harmloseste Form ist, anderen die eigene Gunst verwehren, wenn
man dafür selbst im Mittelpunkt stehen kann. Wer wie und wo integriert,
bzw. ausgeschlossen wird, macht sich schon bei der Sitzplatzordnung bemerkbar:
Wer darf zum verschworenen Kreis, der wichtigsten Clique dazugehören
und wer wird ausgeschlossen und wird so leichter zum Mobbingopfer?"
infoquelle: "Wie macht sich das
Mobbing bemerkbar?"
Frau Peters: "Mit Schimpfwörtern,
die weit unter die Gürtellinie gehen (Hurensohn, Hurentochter, ...
sind noch die harmlosesten). Selbstverständlich auch durch das Wegnehmen
von persönlichem Eigentum (die kleinen Spielzeug-Gogos, zum Beispiel,
sind oft Ursache von Mobbinghandlungen: einige Modelle davon werden massenweise
hergestellt, andere werden künstlich knapp gehalten. So entsteht natürlich
ein Run auf die künstlich knapp gehaltenen GoGos, diese werden dann
per Mobbing den Schwächeren abgenommen).
In der Klassengemenschaft besteht eine
grosse Identifikationsbereitschaft derer, die bereit sind, sich dem Mobberkreis
anzuschliessen. Wichtige Mittel, dieses Ziel zu erreichen, sind Markenklamotten
und vor allem Mobben gegen Schwächere."
infoquelle: "Haben Sie den Eindruck,
dass Mobbing an deutschen Schulen in den letzten Jahren zugenommen hat,
die Verhaltensweisen "krimineller" geworden sind?"
Frau Peters: "Ja, die emotionale
Verwahrlosung hat deutlich zugenommen, die Grenzen verschwimmen immer mehr.
Die Möglicheiten, soziale Bindungen aufzubauen sind immer unklarer
definiert.
Ein Beispiel: früher war es in Wohungen
häufig zu eng - seit ca. 30 - 40 Jahren hat sich dieses Phänomen
gelegt. Kinder haben häufig schon ihre eigenen Zimmer. Dies führt
dazu, dass man sich nicht mehr mit Geschwistern arrangieren muss. Viele
Kinder haben nicht gelernt, sich mit Mitmenschen auseinanderzusetzen. Sie
können aber auch nicht das Gefühl geniessen, dass der Bruder
/ die Schwester trotz grossem Streit erhalten bleibt, einfach aufgrund
der Tatsache, dass man das Zimmer teilt. So entstehen später Ängste
bzgl. der Streitkultur: bleibt mir der/die Freund/in erhalten, wenn ich
einen offenen Streit ausbreche??? Die fehlende Streitkultur erschwert auch
den Umgang mit Konflikten, die dann immer häufiger wesentlich subtiler
oder gewaltätiger ausgelebt werden."
infoquelle: "Also haben immer
mehr Kinder soziales Verhalten in der Gruppe noch nicht erlernt, wenn sie
in die Schule kommen."
Frau Peters: "Der Sozialisation
in Richtung des aktiven Zusammenlebens kommt immer weniger Bedeutung zu.
Stattdessen entstehen Ängste, Misstrauen wird geschürt. Die Grenzen
der Ängste weiten sich aus, es fehlt die notwendige Sicherheit, ob
Freundschaften auch bei Streit oder Meinungsauseinandersetzungen noch erhalten
bleiben. Die Bereitschaft schwindet, Verantwortung für das eigene
Handeln zu übernehmen
Auch die gestiegene Angst vor einer Scheidung
der Eltern steigert dieses Gefühl der Verlustängste."
infoquelle: "Was glauben Sie,
sind die Ursachen für das Mobbingverhalten unter den Schülern?"
Frau Peters: "Fehlendes Unrechtsbewusstsein
und völlige emotionale Verwahrlosung. Da Bedürfnisse immer
mehr durch Konsum statt durch Zeit befriedigt werden, hat man verlernt,
mit Gefühlen umzugehen. Konflikte werden auf Äußerlichkeiten
projiziert, also weniger "ich finde dich doof", als viel mehr "deine Klamotten
sind doof".
Das Leben gilt immer mehr als Comedy -
habe ich die Lacher auf meiner Seite, bin ich "in". Der Funfaktor bringt
Coolness und schafft gleichzeitig Distanz, ist ein perfektes Werkzeug,
ja keine Gefühle zeigen zu müssen. Viele begreifen den
Schulgang nur als Spass, als Gelegenheit im Mittelpunkt zu stehen und die
eigene Coolness vor anderen darzustellen. Nicht nur die Schule, das ganze
Leben ist "just fun and nothing else"."
infoquelle: "Mit dieser Lebenshaltung
schwindet auch die Bereitschaft Eigenverantwortung zu übernehmen.
Kommt man überhaupt noch an die Schüler ran?"
Frau Peters: "Kaum noch, es gilt:
wird man mal erwischt, lacht man cool, streitet einfach alles ab und zieht
sich zurück. In diesen Fällen gibt es oft kein Rankommen mehr.
Die Minderwertigkeitsgefühle sind
parallel zu Konsumsucht deutlich gestiegen, auch gerade von der Elternseite
aus.
Gefühle zeigen ist überhaupt
nicht in: lachen statt weinen, Coolness statt Ausrasten,
Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Angst werden unterdrückt und
versteckt.
Doch auch positive Gefühle kommen
immer weniger auf: selbst bei Hitzefrei oder Ähnlichem kommt eigentlich
keine richtige Freude mehr auf - denn Hitzefrei bedeutet meistens Rumlungern
und konsumorientierte Langeweile."
infoquelle: "Zurück zum
Mobbing? Wie läuft das an Ihrer Schule ab?"
Frau Peters: "Mobbing funktionert
ja beidseitig: einmal von denen, die im Mittelpunkt stehen wollen, sogenannte
Anführer, und dann von denen, die sich in deren Schatten wohler fühlen
als alleine. Für die Mitläufer gilt: "gehöre ich zu diesem
Kreis, kann ich ganz gut in der Masse verschwinden und entgehe der Gefahr,
selber gemobbt zu werden. Werde ich aus diesem Kreis ausgeschlossen, bin
ich dem Mobbing der anderen schutzlos ausgeliefert. Es ist leichter Freunde
zu finden, wenn ich mich diesem Kreis anschliesse, da dieser davon lebt,
dass sich Mitschüler/innen anschliessen. Die Gefahr, dass ich nicht
mit reindarf, ist bei so einem Kreis wesentlich geringer, als wenn ich
mich auf die Suche nach einer/m Freund/in mache.", denn die "Gesetze" einer
Gruppenaufnahme sind klarer zu durchschauen. Die Kinder werden erst mal
versuchen, sich dem erstrebten Kreis anzunähern, um die Regeln für
die Aufnahme besser abschätzen zu können. Nachdem sie sozialen
Regeln der jeweiligen Gruppe erlernt haben, beginnt die Anpassungsphase."
Kinder, die erlebt haben wie ältere
Geschwister gemobbt wurden, werden alles versuchen, nicht zu den Mobbingopfern
zu gehören. Je nach Persönlichkeit passen sie sich schon vorhandenen
Gruppen besonders gut an, oder "gründen" eigene Cliquen.
Auch Kinder, die durch ihre familiäre
Situation Minderwertigkeitsgefühle haben, passen sich besonders gut
der Masse an. In einigen Fällen verstecken sie ihr mangelndes Selbstwertgefühl,
indem sie Führungsrollen beim Mobben anderer einnehmen."
infoquelle: "Wie hat sich das
Umfeld veraendert, in dem Mobbing aggressiver werden konnte?"
Frau Peters: "Seit circa 30 Jahren
hat der Konsum hat ganz andere Dimensionen angenommen. Man will etwas geboten
bekommen, man will geniessen. Alles ist sehr erlebnisorientiert: ohne neue
Kicks, neue Erlebnisse und Adrenalinschübe herrscht ganz schnell Langeweile.
Darunter leidet natürlich auch der Umgang mit der eigenen Kreativität,
da zur freien Entfaltung auch Ruhe oder "Mut zur erlebten Langeweile" benötigt
wird. Bedürfnisse werden nicht mehr ideell befriedigt, sondern konsumorientiert.
Der Mangel, den Eltern teilweise noch erlebten oder erleben, wird indirekt
weitergegeben: "Du sollst es besser haben, ich kann Dir alles bieten".
Dieses Angebot bezieht sich nur allzuoft auf Konsum und nicht auf "Zeitgeschenke".
Gleichzeitig entstehen so auch neue Ängste: was passiert, wenn ich
mir diesen Konsum nicht mehr leisten kann.
Es wird immer wichtiger für die Zukunft,
mit den Kindern wieder ins Gespräch zu kommen, um ihnen wieder andere
Werte mitgeben zu können. Man muss sich jedoch darauf einstellen,
dass diese Veränderungen lange Zeit in Anspruch nehmen werden. Erfolge
können manchmal vielleicht erst im Erwachsenenalter der Kinder zum
Durchbruch kommen.
infoquelle: "Richtet sich das
Mobbingverhalten der Schüler nur gegen Mitschüler oder auch gegen
Lehrer?"
Frau Peters: "In der Grundschule
richtet sich Mobbing nur gegen Mitschüler. Die Schüler trauen
sich noch nicht so ran an die Lehrer; die Angst vor Strafe ist noch deutlich
grösser als bei älteren Schülern. Jüngere Schüler
sind noch mehr in die Familie eingebunden und Fehlverhalten in der Schule
bringt auch Strafen zu Hause ein.
Allerdings werden Bestrafungen wegen Zeitmangel
der Verantwortlichen sehr oft nur inkonsequent umgesetzt. Deshalb besteht
die Gefahr, dass Kinder sich noch nicht mal in ihren Fehlern ernst genommen
fühlen und nicht rechtzeitig, oder gar nicht lernen, dass Fehlverhalten
Konsequenzen hat. So wird das Gerechtigkeitsbewusstsein vieler Kinder zunichte
gemacht."
infoquelle: "Wurden, seitens
des Lehrkörpers, bzw. der Schulleitung, Maßnahmen gegen das
Mobbing eingeleitet?"
Frau Peters: "Seitens der Schulleitung
wird die 'heile Familie' propagiert, die Sorge um den Ruf und das Image
der Schule ist grösser als die um die Entwicklung der Schüler.
Ähnlich verhält es sich innerhalb mancher Klassen und Familien:
Mobbing wird geheimgehalten, übertüncht oder schöngeredet.
Kinder lernen sehr schnell, welche Themen tabu sind Doch darf man sich
nicht wundern, wenn dadurch das Konfliktbewältigungspotential immer
kleiner wird.
Seitens des Lehrkörpers wird oft das
Gespräch gesucht. Das gestaltet sich wegen oben genannter "Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität"
oft sehr schwierig.
Ein kleiner "Trick" der Lehrer ist das
Organisieren von Elternabenden vor Klassenfahrten. Dann kommen viele Eltern,
die man sonst nicht zu sehen bekommt. Abgesehen von wichtigen organisatorischen
Informationen, können auch andere, mobbingspezifische Themen angesprochen
werden. Ein für den Elternabend organisiertes Rahmenprogramm kann
dafür sorgen, dass bestimmte Themen nicht schülerbezogen, sondern
allgemein zur Sprache gebracht werden. Kurze Filme oder Vorträge können
hier sehr hilfreich sein. Natürlich wollen Eltern alles besser machen,
sind bei der Umsetzung aber oft überfordert. Über Probleme kann
dann viel offener diskutiert werden. Sehr gute Erfahrungen habe ich auch
damit gemacht, nach dem Elternabend noch mit ein paar Eltern auf ein Bierchen
in die Kneipe zu gehen. In der privateren Atmosphäre lässt es
sich viel leichter über heisse Themen diskutieren und die Eltern erhalten
die Chance, sich dazu mit den anderen Eltern auszutauschen, und zu erkennen,
dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind.
infoquelle: "Welche Lösungsansätze
sehen Sie für dieses soziale Problem?"
Frau Peters: "Folgende Lösungsansätze
für Mobbing in diesem Alter und Umgang mit Fehlern und Strafe sind
vielversprechend:
-
wir müssen wieder lernen, unseren Kinder
und Mitmenschen ruhig auch ihre Fehler ehrlich zu verzeihen. Der ehrliche
und freundliche Umgang ist sehr wichtig: nur so lernen die Kinder, andere
zu respektieren, ein Rückgrat aufzubauen und kreativer mit Fehlern
umzugehen;
-
gerade kleineren Kindern tut es zum grössten
Teil noch sehr leid, wenn sie einen Fehler begangen haben. Hierauf muessen
Eltern / Lehrer eingehen, indem sie ihren Kindern nicht nur ihre Fehler
ehrlich verzeihen, sondern ihnen auch die Zeit widmen, auf die Fehler einzugehen
und Lösungsvorschläge für ein anderes Verhalten aufzuzeigen
und auch eigene Fehler nicht verheimlichen;
-
das Kind soll gar nicht erst unter den Druck
geraten, eine vermeintliche heile Welt zu stören und Fehler oder Missetaten
geheimzuhalten.
infoquelle: "
Ist es schwierig "Täter"
und "Opfer" an einen Tisch zu bringen und frei über vorhandene Probleme
zu sprechen?"
Frau Peters: "Nein, das ist überhaupt
nicht schwer. Es kommt nur häufig kein ehrliches Gespräch zustande,
das einem sinnvollen Ergebnis aber zugrunde liegen muss. Es kommen zwar
Aussagen, wie "ja, tut mir leid"; da diese aber nicht ehrlich gemeint sind,
geht es am nächsten Tag weiter wie zuvor. Die Gründe hierfür
sind:
-
Coolness (siehe oben)
-
Inkonsequenz bei der Bestrafung
-
Zeitmangel der Verantwortlichen
infoquelle: "
Vielen Dank für
das Gespräch, Frau Peters."